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Syrien:Assads Illusion einer heilen Welt

Aleppo-Flüchtling

In Ost-Aleppo packen die Menschen ihr letztes Hab und Gut zusammen und verlassen die zerbombte Stadt in eine ungewisse Zukunft.

(Foto: AFP)

Geht es nach dem syrischen Regime, feiern die Menschen jetzt ihre Befreiung von den Rebellen. Das Leid der Stadt kommt in den TV-Bildern nicht vor - dafür Weihnachtsmützen als Symbol der Freiheit.

Von Dunja Ramadan

Ein leuchtender Tannenbaum - mitten im syrischen Aleppo. Die blitzenden Lichterketten an den Häuserfassaden mögen manche an den Glutregen der Phosphorbomben erinnern, die das Regime noch kürzlich über dem Ostteil der Stadt abwarf. Doch das Publikum hier hat solche Gedanken nicht: "Mit unserer Seele, unserem Blut opfern wir uns für dich, Baschar", ruft ein Mann ins Megafon, Sprechchöre folgen aus der Menge. Der syrische Präsident Baschar al-Assad schaut von einem Plakat auf die feiernde Menge herab. Sein Porträt reicht über drei Stockwerke, neben ihm hängt die syrische Flagge. Viele Menschen tragen rote Weihnachtsmannkostüme, manche tragen rot-weiß gestreifte Zipfelmützen. Im von Assad eroberten Teil Aleppos feiern die Menschen Weihnachten, aber vor allem den Sieg der syrischen Armee in Aleppo. Die Rebellen bezeichnen viele hier nur als "Terroristen".

Während eine Frau gerade ein Interview gibt, ist plötzlich ein lauter Knall zu hören. In der Nähe der Menschenmenge explodiert eine Bombe, verletzt wird niemand. Einige Leute verlassen das Fest, doch schon bald füllt sich der Platz wieder. "Wir warten seit vier Jahren auf diesen fröhlichen Moment, wir danken der Armee aus tiefstem Herzen. Egal was wir sagen, es drückt nicht mal annähernd unsere Dankbarkeit aus", sagt eine Syrerin ins Mikrofon. Ein anderer Mann hofft, dass Assad bald ganz Syrien zurückerobert.

Aleppo soll wieder unter völliger Regierungskontrolle stehen

Diese im syrischen Staatsfernsehen und per Video im Internet verbreiteten Szenen sollen den Syrern zeigen: In den von der Armee kontrollierten Gebieten kehrt Normalität, ja sogar Freude ein. Aleppo, so teilte das syrische Militär mit, steht wieder unter völliger Regierungskontrolle. Eine entsprechende Mitteilung wurde am Donnerstagabend verbreitet, nachdem die letzten Rebellen den Osten der einstigen Wirtschaftsmetropole in Bussen verließen.

Hier können Minderheiten unbeschwert ihre Feste feiern. In den Rebellengebieten herrsche hingegen nur islamistischer Terror. Diese Illusion der heilen Welt erinnert an die Werbekampagne des Tourismusministeriums, die vor wenigen Monaten Aufsehen erregte. Es veröffentlichte einen Image-Film über das Urlaubsparadies Syrien, in denen Menschen auf Jetskis übers Meer flitzen und sich am Sandstrand sonnen. Der Titel des Videos: "Syria - always beautiful." Inmitten von Chaos, Tod und Zerstörung versucht Assad, eine Art Pseudo-Normalität aufrechtzuerhalten.

Evakuierung geriet ins Stocken

Unterdessen haben die Syrer auf der anderen Seite der Stadt bei Minustemperaturen ihr letztes Hab und Gut zusammengepackt und Aleppo in eine ungewisse Zukunft verlassen. Nach Angaben von Augenzeugen saßen Mitte der Woche zahlreiche Menschen etwa 36 Stunden in Bussen frierend und hungrig fest. Die Evakuierung geriet nach dem Beschluss des UN-Sicherheitsrates vom Montag zur Stationierung von Beobachtern in Aleppo ins Stocken. Mit der Türkei, aber "ohne die UN und ohne die USA" wollen sich Russland und Iran nun um eine Waffenruhe in Syrien und um neue Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition bemühen. Mittlerweile sollen 34 000 Menschen Ost-Aleppo verlassen haben.

Eine von ihnen war Bana al-Abed. Die Siebenjährige berichtete im Netz über den Kriegsalltag in Ost-Aleppo. Viele der mehr als 360 000 Menschen, die ihr auf Twitter folgten, sahen in ihr eine authentische Stimme, die das Leid der Bevölkerung aus kindlicher Perspektive schilderte, Assad-Unterstützer bezeichneten sie als Propagandaprodukt. Nach dem Fall Ost-Aleppos war Bana verschwunden, als sie wenige Tage später im Umland der Stadt auftauchte, war das etwa der BBC eine Eilmeldung wert. Nun ist das Mädchen in der Türkei, dort empfing es der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan im Präsidentenpalast. Wange an Wange ließ er sich mit dem Kind ablichten, inszeniert sich so als Schutzpatron der Flüchtlinge von Aleppo.

© SZ vom 23.12.2016/fie

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