Fällt eine Diktatur, bleibt die Schuld. Für ein Volk, das eine Gewaltherrschaft überwunden hat, ist es eine der ersten Fragen: Wie will es mit denen umgehen, die fürs Regime gearbeitet, die sich schuldig gemacht haben? Wo zieht man die Grenze: Wer hat nur gearbeitet, wer hat sich schuldig gemacht? Wer soll bestraft werden und wie? Gut wäre, man könnte sich darauf in Ruhe eine Antwort überlegen, aber die Zeit hat kaum ein Land, wenn eben die Diktatur gefallen ist. Solche Phasen haben es an sich, dass sich alle Fragen gleichzeitig stellen.Syrien ist gerade so ein Land. Nach 54 Jahren unter dem Assad-Regime will jetzt auf die Schnelle die politische Zukunft organisiert werden. Außerdem geht es um die Wirtschaft, um die Versorgungslage. Dazu kommt der Wiederaufbau, ganze Viertel sind zerstört. Aber damit all das beginnen kann, geht es als Erstes um Stabilität. Was dann wiederum viel mit der Schuldfrage zu tun hat, wie sich diese Woche zeigte.
Die syrische Übergangsregierung, dominiert von Hayat Tahrir al-Scham (HTS), hat Mohammed Kanjo Hassan verhaften lassen, einen früheren General und Militärrichter. Er soll am „Militärfeldgericht“ in Damaskus für Tausende Todesurteile verantwortlich gewesen sein; dort wurden die Häftlinge aus dem Militärgefängnis Saidnaya abgeurteilt, in Verfahren, die zwischen einer und drei Minuten dauerten. Vor allem in den Jahren von 2011 an, als in Syrien die Revolution losbrach, wurde in Saidnaya massenweise getötet. Es waren die Jahre, als Hassan das Gericht leitete.Baschar al-Assad scheint mit ihm zufrieden gewesen zu sein, er beförderte ihn später zum Chef der syrischen Militärjustiz. Ein Posten, auf dem er ein reicher Mann werden konnte: Ein Verein früherer Saidnaya-Häftlinge schätzt, dass Hassan bis zu 150 Millionen US-Dollar eingenommen habe – von Familien, die für Urteile bezahlten oder auch nur dafür zu erfahren, wo ihre Angehörigen einsaßen. Logisch, dass Hassan jemand war, den die neue Führung schnell hinter Gitter bringen wollte. Der erste Versuch, ihn zu verhaften, führte am Donnerstag zu einem Schusswechsel, bei dem 14 HTS-Kämpfer starben. Hassan hatte sich mit seinen Begleitern in einem Dorf in den Bergen bei Tartus verschanzt, einer Gegend, in der viele Alawiten leben. Die Minderheit, der auch die Familie Assad angehört, stellte während deren Herrschaft die meisten Offiziere. In der kämpfenden Armee, aber auch in Gefängnissen wie Saidnaya.
Der frühere Dschihadist trägt jetzt Anzug und Krawatte
Schließlich besetzten die HTS-Kräfte den Ort und verhafteten Hassan, dazu einige seiner Gefolgsmänner. Zeitgleich aber kam es in mehreren Städten zu Protesten von Alawiten, eines Videos wegen, das zeigen soll, wie ein alawitischer Schrein geschändet wird. Was davon bleibt? Jedenfalls der Eindruck, dass der Frieden in Syrien eine fragile Angelegenheit ist.
Ahmed al-Scharaa, früher unter seinem Kampfnamen al-Golani bekannt, hat sich seit Assads Ende demonstrativ um Ausgleich bemüht. Der HTS-Anführer ist jetzt de facto syrischer Staatschef, er trifft sich mit ausländischen Delegationen, die nach Damaskus kommen, darunter eine deutsche und sogar eine US-amerikanische. Immer bittet er um die Aufhebung der Sanktionen gegen Syrien, die sich gegen das alte Regime richteten. Die USA hatten auf al-Scharaa bis vor Kurzem noch ein Kopfgeld ausgesetzt, nun trägt er Anzug und Krawatte und ziemlich viel Verantwortung: Es liegt vor allem an ihm, ob Syrien nicht nur das Assad-Regime hinter sich lässt. Sondern auch die Jahre des Konflikts.
In der arabisch-sunnitischen Mehrheit wünschen sich viele nichts als die Todesstrafe für Assads Helfer, das Volk, das unter ihnen gelitten hat, will, dass sie bestraft werden. Zugleich aber leben in Syrien auch Gruppen, die sich vor der neuen Macht der Sunniten und der islamistischen HTS fürchten. Die Alawiten gehören dazu, auch die Christen. Und die Kurden, deren Rolle im neuen Machtgefüge noch unklar ist. Wie viel Raum gibt al-Scharaa dem Wunsch nach Strafe, nach Gerechtigkeit, auch nach Rache? Wie viele Kompromisse macht er andererseits, damit alte Konfliktlinien nicht wieder aufreißen? Das ist die Balance, die er wird finden müssen.
Der frühere Dschihadist sieht heute nicht nur aus wie ein Politiker, er redet auch wie einer. Einen „nationalen Dialog“ verspricht er, dazu sollen schon bald Hunderte Vertreter der Gesellschaft nach Damaskus kommen, um über eine neue Verfassung zu beraten und darüber, wie es im März weitergeht. Nur bis dahin ist die Übergangsregierung im Amt. Es wird darum gehen, was für ein Land Syrien sein soll, wie sehr islamisch geprägt, wie zentralistisch, wie föderalistisch. Auch darum, welche Rechte die Frauen haben. All diese Fragen, während die Menschen kaum ihre Häuser beheizen können und in langen Schlangen auf Brot warten. Noch dominiert HTS das neue Syrien. Die Frage ist, ob Ahmed al-Scharaa auch anderen Raum gibt, anderen Rebellengruppen, den Minderheiten. Gibt er, damit das Land eine friedliche Zukunft hat, etwas von der Macht ab, die er gerade gewonnen hat? Das wäre dann eine echte Revolution.


