Syrien Zwei Kriegsherren stehen sich im Weg

Rebellen der syrischen "National Liberation Front" bei einem Kampftraining im Norden von Idlib im vergangenen September. Die Zukunft der syrischen Provinz wird bei dem Treffen zwischen Putin und Erdoğan eine große Rolle spielen.

(Foto: Aaref Watad/AFP)
  • Erdoğan und Putin treffen sich in Moskau zu neuen Syrien-Gesprächen.
  • Der türkische Präsident hat Manbidsch in Nordsyrien für eine militärische Operation im Blick, um dort die syrischen Kurden der YPG-Miliz zu vertreiben.
  • Für Moskau ist wichtig, was mit Idlib passiert. Die Provinz wurde im September zur demilitarisierten Zone erklärt. Der Kampf gegen den Terror müsse aber abgeschlossen werden, sagt Außenminister Lawrow.
Von Silke Bigalke, Moskau, und Christiane Schlötzer, Istanbul

Viermal hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan in diesem Monat schon mit seinem amerikanischen Kollegen Donald Trump telefoniert. An diesem Mittwoch wird er sich in Moskau mit Wladimir Putin treffen, auch dabei wird es um den geplanten Abzug der US-Truppen aus Syrien gehen. "Balancepolitik" nennen türkische Kommentatoren das, was ihre Regierung da versucht. Die unterschiedlichen Interessen aller Beteiligten aber sind schwer auszutarieren.

Es soll um Stabilität gehen, um Sicherheitszonen und um Zusammenarbeit. Doch es treffen sich auch zwei Kriegsherren, die wohl beide gerne losmarschieren möchten: Der türkische Präsident Richtung Manbidsch in Nordsyrien, um dort die syrischen Kurden der YPG-Miliz zu vertreiben. So hat er es zuletzt Trump am Telefon vorgeschlagen. Dessen Antwort: unklar. Der russische Präsident zielt auf die Provinz Idlib, um die letzte Bastion der syrischen Opposition unter Kontrolle zu bringen. Beiden Präsidenten steht dabei der jeweils andere im Weg.

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Erdoğan und Trump hatten zuletzt auch über eine Sicherheitszone entlang der Grenze zur Türkei gesprochen, etwa 30 Kilometer tief. Auch aus dieser Zone sollten sich nach dem Willen der Türkei die kurdischen Milizen zurückziehen. Was Washington genau will, ist weniger klar, nur so viel: Die YPG, die von den USA ausgerüstet wurde, um gemeinsam gegen den "Islamischen Staat" zu kämpfen, soll vor türkischen Angriffen geschützt werden. Ob der russische Präsident der Türkei allerdings die Kontrolle über ein so großes Gebiet in Syrien überlassen würde, ist fraglich. Putin möchte Syrien möglichst vollständig wieder dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad überlassen. Der bliebe damit abhängig von russischer Hilfe und würde Moskaus Position als Militärmacht im Nahen Osten sichern. Bereits jetzt kontrolliert Russland den Luftraum über Syrien, womit auch die militärischen Möglichkeiten der Türkei begrenzt sind.

Russland will das Land unter die Kontrolle der syrischen Regierung bringen

Der Frage nach einer neuen Sicherheitszone wich der russische Außenminister Sergej Lawrow vergangene Woche aus. Er sagte jedoch, es sei bekannt, dass die US-Truppen in dem fraglichen Gebiet in Nordsyrien zwei Dutzend militärische Einrichtungen hinterließen und auch die dort lebenden Kurden mit Waffen versorgt hätten. "Was passiert mit diesen Waffen und Militäreinheiten?", fragte Lawrow. "Die vernünftigste und einzig richtige Lösung" sei, dieses Gebiet wieder unter Kontrolle der syrischen Regierung und der syrischen Armee zu bringen.

Die syrischen Kurden haben Assad bereits um Hilfe gebeten, für den Fall, dass die Amerikaner tatsächlich vollständig abziehen. Assad wiederum hat schon syrisch-russische Truppen im Norden in Stellung gebracht. Die Kurden hoffen zwar immer noch darauf, sich trotzdem einen Teil ihrer Autonomie bewahren zu können, auch unter Assad. Ob sie dabei aber auf Moskaus Hilfe hoffen können, ist offen. "Ich glaube, dass die Kurden in Syrien und im Irak die Notwendigkeit verstehen, eine Einigung mit der zentralen Regierung zu erlangen", sagte Lawrow dazu nur. Sprich: Ihr Schicksal hängt am Ende wohl von Assad ab.

Wenn sich Ankara vom Westen entfernt, ist das Moskau nur recht

Für Moskau ist eine andere Frage noch wichtiger, laut Lawrow wird sie sogar das Hauptthema bei dem Treffen mit Erdoğan sein: Wie geht es weiter mit der Provinz Idlib? Putin hatte sich im September vergangenen Jahres auf Erdoğans Vorschlag eingelassen, die Provinz zur demilitarisierten Zone zu erklären. Er sagte die wohl schon geplante Offensive ab, wohl auch, um ein größeres Blutbad und eine weitere Flüchtlingswelle zu verhindern. Weil Idlib von Assads Truppen umstellt ist, könnten die Menschen dort nur in die Türkei flüchten oder in den schon türkisch kontrollierten Kanton Afrin in Nordsyrien. Der Kampf gegen den Terror müsse abgeschlossen werden, sagte Lawrow, und die Idlib-Zone sei dessen "Hauptbrutstätte". Man wolle die russisch-türkische Vereinbarung zwar weiter einhalten, das sei aber "keine Freikarte für Terroristen". Diese würden von Idlib aus auf syrische Truppen und zivile Einrichtungen schießen, und sie versuchten, den russischen Luftwaffenstützpunkt in Khmeimim anzugreifen.

Mit keinem anderen Staatsoberhaupt hat Putin im vergangenen Jahr so häufig gesprochen wie mit Erdoğan, bei Treffen und am Telefon, schreibt die russische staatliche Nachrichtenagentur Tass. Wenn sich Ankara durch den Krieg in Syrien weiter vom Westen entfernt, ist das Moskau nur recht. Das Nato-Land hat bereits einen Vertrag über den Kauf russischer Abwehrraketen vom Typ S 400 unterzeichnet, was von den USA heftig kritisiert wurde. Jüngst hat Washington der Türkei auch Patriot-Abwehrraketen als Ersatz für die S 400 angeboten, für 3,5 Milliarden Dollar. Ankara sagte danke, aber man könne womöglich auch beide Systeme brauchen.

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