Süddeutsche Zeitung

Syrien:Angriff auf Flüchtlingslager

Bei Raketenexplosionen nahe einer Geburtsstation sterben mindestens 21 Menschen.

Die Bilder, die humanitäre Helfer in der Nacht zum Donnerstag aus dem syrischen Ort Qah nahe der türkischen Grenze schickten, waren selbst für Menschen schwer zu ertragen, die das Grauen des bald neun Jahre andauernden Bürgerkriegs fortwährend verfolgen: Zwei mit Streumunition gefüllte Raketen, nach allem Ermessen abgefeuert aus einem Gebiet unter Kontrolle des Regimes nahe Aleppo, waren am Abend in eines der größten Flüchtlingslager in der Region Idlib im Norden Syriens eingeschlagen. Die Raketen explodierten nur 25 Meter von einer Geburtsstation entfernt, die dort von der Syrisch-amerikanischen medizinischen Gesellschaft (Sams) betrieben wird. Mindestens 16 Menschen starben, unter ihnen viele Kinder, über 60 wurden verletzt. Ein Feuer, das anschließend ausbrach, vernichtete die provisorischen Unterkünfte vieler Familien, die sich in dieser Gegend, nur zwei Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, in Sicherheit glaubten.

Nach Angaben von Sams war die Position des Frauenkrankenhaus über die Vereinten Nationen auch bei der syrischen Armee hinterlegt - eigentlich, um Beschuss zu vermeiden. Beobachter werfen dem Regime von Baschar al-Assad jedoch vor, Gesundheitseinrichtungen vorsätzlich ins Ziel zu nehmen, nach Zahlen von Sams war der Angriff vom Mittwoch der 65. dieser Art, seit russische und syrische Kräfte im April ihre Offensive auf Idlib begannen.

Das Flüchtlingslager von Qah ist nicht der einzige Ort, der angegriffen wurde. Vor allem im Süden der Region Idlib flogen die russische und die syrische Luftwaffe Einsätze, Aktivisten vor Ort berichteten zuletzt immer wieder von Beschuss mit Raketen und dem Abwurf von Fassbomben. Nach das Regime einen Teil der großteils von dschihadistischen Rebellen kontrollierten Region wiedererobert hatte, hatten Damaskus und Moskau im August eigentlich eine Waffenruhe verkündet. Die jüngsten Bombardements könnten jedoch dazu dienen, eine neue Offensive vorzubereiten.

Auch im Nordosten Syriens, wo die türkische Armee Anfang Oktober nach dem Abzug der USA einen Angriff auf die kurdische Miliz YPG begonnen hatte, wird die eigentlich geltende Waffenruhe regelmäßig gebrochen. Ankara hatte sich hier mit Moskau auf eine Vereinbarung verständigt, die einen Abzug kurdischer Kämpfer und gemeinsame Patrouillen vorsieht. Im Gegenzug sollten die türkische Armee und von ihr trainierte und befehligte syrische Rebellen ihre "Operation Friedensquelle" genannte Offensive einstellen. Doch vor allem in der Gegend um die Stadt Tal Tamr versuchten die türkischen Kräfte nach kurdischen Angaben immer wieder weiter vorzustoßen. In anderen Teilen Nordostsyriens flog die Türkei Drohnenangriffe, verkündete am Donnerstag etwa, sieben YPG-Kämpfer bei der Stadt Kobanê getötet zu haben. Auch kurdische Quellen berichteten von einem Angriff, sprachen aber von zwei Zivilisten, die starben, als ihr Auto aus der Luft beschossen wurde. Am Montag hatte der türkische Außenminister Mevlüt Çavaşoğlu gedroht, die Offensive in Nordostsyrien wieder voll aufzunehmen, da die YPG sei nicht wie vereinbart abgezogen sei. Sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow wies diesen Vorwurf am Donnerstag zurück.

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SZ vom 22.11.2019
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