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Synodaler Weg:"Letzte Chance"

Kardinal Reinhard Marx segnet lang verheiratete Ehepaare in München, 2018

Der Münchner Kardinal und Bischofskonferenzvorsitzende Reinhard Marx erhofft einen „Aufbruch im Lichte des Evangeliums“.

(Foto: Robert Haas)

Bischöfe und Laien beraten darüber, wie die katholische Kirche wieder glaubwürdig werden kann.

Am Sonntag um zehn Uhr wollen sie im Münchner Liebfrauendom gemeinsam eine Kerze entzünden, Karin Kortmann und Reinhard Marx. Die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und der Münchner Kardinal und Bischofskonferenzvorsitzende werden darauf achten, dass weder die eine noch der andere alleine das Lichtlein entflammt - das wäre kein gutes Zeichen. Sie werden beten, dass der Herr die Kirche in Deutschland die Zeichen der Zeit erkennen lasse. Der erste Schritt ist dann getan auf dem "synodalen Weg": Zwei Jahre lang wollen die 27 deutschen Diözesanbischöfe und fast 200 Frauen und Männer aus dem Kirchenvolk darüber beraten, wie sich die Kirche ändern muss, um aus der Glaubwürdigkeitskrise zu kommen, in der sie steckt.

Den himmlischen Beistand werden sie brauchen. Eine von den Bischöfe in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie hat aufgezeigt, dass die Ursachen für die Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche und ihre Vertuschung tief im System der Kirche liegen, in der Macht der Priester und Bischöfe, in der Vorstellung, dass die heilige Kirche unbedingt zu schützen sei, in der Tabuisierung der Sexualität. Entsprechend sollen sich Arbeitsgruppen mit den Machtstrukturen in der Kirche beschäftigen und der Sexualmoral, mit der Lebensform der Priester und dem möglichen Zugang von Frauen zu Weiheämtern. Die Frauen-Arbeitsgruppe hatte die Bischofskonferenz nicht vorgesehen, als sie im Februar die große Beratung beschlossen - sie hat erst das ZdK durchgesetzt.

Was zeigt: Die Erwartungen der synodalen Wandergemeinschaft an den Weg und die Vorstellungen vom Ziel sind höchst unterschiedlich. Die im ZdK vertretenen Frauen- und Jugendverbände fordern schon lange, dass die Kirche mehr Demokratie wagt, ihre Sexualmoral grundlegend überdenkt und den Frauen zumindest den Weg zur Diakoninnenweihe ebnet; sie wünschen, dass am Ende des Prozesses entsprechende verbindliche Beschlüsse stehen. Für den Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki würden damit aber wesentliche Merkmale des Katholischen aufgegeben - sie haben klar gemacht, dass sie nur dann mitgehen, wenn die Versammlung nichts beschließt, was der weltweit gültigen Lehre der Kirche widerspricht. Sie wünschen einen geistlichen Erneuerungsprozess der Kirche - mit mehr Gebet und weniger Strukturdebatte.

Bestärkt sehen sie sich durch einen Brief des Chefs der Bischofskongregation, Kardinal Marc Ouellet, der im September ziemlich harsch klarstellte: Beschlüsse kann der synodale Weg nur fassen, wenn zwei Drittel der Bischöfe dafür sind, es darf nichts beschlossen werden, was nur in Rom entschieden werden kann, und überhaupt könne jeder Bischof selber entscheiden, was er umsetzt und was nicht.

So steht es nun auch in der Satzung des synodalen Weges. Das wiederum ärgert viele Kirchenvolksvertreter: Warum soll in der Versammlung die Stimme eines Bischofs mehr wert sein als meine? Auf der Vollversammlung des ZdK am vergangenen Wochenende hatten die Befürworter der Weggemeinschaft einige Überzeugungsarbeit zu leisten, ehe das Gremium beschloss, den Weg mitzugehen. Vielen ist der enttäuschende Prozess in Erinnerung, mit dem ab 2011 der damalige Bischofskonferenzvorsitzende Robert Zollitsch versuchte, den Dialog in Gang zu bringen: Er endete mit einem klugen Abschlusspapier - und in der Bedeutungslosigkeit.

Auf dem "synodalen Weg" warten heikle Fragen: Es geht um Macht, Moral und Frauen

Das soll nicht wieder passieren, sagt Karin Kortmann, die ZdK-Vizepräsidentin. "Wir brauchen strukturelle Veränderungen, denn sonst können wir unsere Botschaft nicht glaubhaft verkünden", sagt sie. Hinter der Forderung nach mehr Gebet und weniger Strukturdebatte sieht sie "die Angst vor dem Machtverlust"; betont aber: "Die Mehrheit der Bischöfe sieht das anders, der alte Gegensatz zwischen Bischöfen und Laien existiert so nicht mehr."

Überhaupt versuchen die Befürworter des Weges, tapfere Zuversicht zu verbreiten. Kardinal Marx und Thomas Sternberg, der ZdK-Präsident, haben einen gemeinsamen Brief an die Kirchengemeinden geschrieben; der synodale Weg solle ein "Weg der Umkehr und der Erneuerung sein", einen "Aufbruch im Lichte des Evangeliums wagen" und "Antworten auf drängende Fragen der Kirche zu finden" heißt es da. Damit möglichst viele Gruppen und Strömungen der Kirche vertreten sind, wurde die Zahl der Delegierten so stark erweitert, dass die erste Vollversammlung Ende Januar in ein Tagungshaus der evangelischen Glaubensgeschwister umziehen muss. "Für die 15 Plätze, die wir besetzen können, haben wir 150 Bewerbungen", sagt Thomas Andonie, der Vorsitzende des Bundes der deutschen katholischen Jugend (BDKJ), "für viele Jugendliche ist es sehr wichtig, hier mitreden zu können". Wenn aber "nur Wischiwaschi rauskommt, ist die Enttäuschung groß".

Doch wie wird der Erfolg des Prozesses zu messen sein? Insider erwarten, dass am Ende Voten für den Aufbau einer Verwaltungsgerichtsbarkeit in der Kirche stehen, die die Alleinherrschaft der Bischöfe begrenzen, für eine Überprüfung des Pflichtzölibats auf Weltkirchenebene, vielleicht ein Plädoyer für eine offene Debatte, ob Frauen zur Diakonin geweiht werden können. Die Ungeduld vieler Gemeindemitglieder wird das so wenig befrieden wie die Sorgen der Konservativen. "Wenn wir das Ganze nur als eine Art Tarifverhandlung begreifen, wo wir vorher und hinterher beten, dann werden wir scheitern", sagt der Jesuitenpater Bernd Hagenkord, der den Prozess als geistlicher Leiter begleiten soll - "es darf nicht der "eine die Unterwerfung des Anderen verlangen".

"Es ist unsere letzte Chance", sagt Karin Kortmann, "wenn wir eine Bedeutung in der Gesellschaft haben wollen". Und Bernd Hagenkord sagt: "Viele geben uns keine Chance - gerade das ist unsere Chance."