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Synodaler Weg:Freie Rede

Ungewohnt offen formuliert die Synodalversammlung der katholischen Kirche den Wunsch nach Reformen - vom Zölibat bis zur Rolle der Frauen, von der Sexuallehre bis zum Missbrauchsskandal in der Kirche.

Erste Versammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt

Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, spricht bei der ersten Vollversammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt.

(Foto: Andreas Arnold/dpa)

Halb ein Uhr ist es, die Versammlung im Frankfurter ehemaligen Dominikanerkloster sollte seit einer halben Stunde beendet sein. Aber es gab so viele Wortmeldungen und eine endlose Geschäftsordnungsdebatte. So geht trotz Redezeitbegrenzung die erste Vollversammlung des Synodalen Wegs der katholischen Kirche am Samstag in die Verlängerung, bei arg verbrauchter Luft. Janosch Roggel aus dem Erzbistum Paderborn tritt ans Mikrofon, einer der jüngeren Menschen im Raum, drückt auf seinem Tablet herum, doch das Ding will nicht wie er, es gibt ein paar Lacher, endlich geht es los.

"Der Missbrauch durch einen Priester war für mich das Schlimmste", sagt Janosch Roggel. "Ich bin transsexuell. Meine ganze Existenz erscheint der Kirche als sündhaft. Jeder von uns ist erpressbar. Ich war erwachsen und doch unfrei. Man kann nicht verlangen, dass Opfer sich dieser Veranstaltung stellen. Aber wir sind im Raum und hören zu." Totenstill ist es. Dann applaudieren die ersten, bald alle, stehend. Der nächste Redner zum Thema Sexualmoral der katholischen Kirche ist Dominikus Schwaderlapp, Weihbischof in Köln; er plädiert dafür, die Lehre der Kirche zu "schätzen, bewahren und vertiefen".

Selten ist auf einem offiziellen Forum der katholischen Kirche in Deutschland so offen geredet worden wie auf dieser Versammlung in Frankfurt, die Auftakt ist für einen auf zwei Jahre angelegten Reformprozess. 230 Bischöfe und Delegierte aus den kirchlichen Verbänden, Diözesanräten und Berufsgruppen wollen bis Ende 2021 beraten, welche Konsequenzen der Skandal der sexuellen Gewalt für die Kirche haben soll: Muss sie anders mit Macht umgehen? Braucht sie eine veränderte Sexualmoral, ein neues Verständnis vom Priesteramt? Soll die Versammlung gar für die Priesterweihe von Frauen plädieren, obwohl Papst Johannes Paul II. diese Debatte autoritativ für beendet erklärt hat? Der Prozess trägt den umständlichen Namen "Synodaler Weg", weil er keine Synode sein soll, für die es klare kirchenrechtliche Vorgaben gibt. Die Debatte soll freier sein, dafür ist sie aber auch weniger verbindlich - am Ende kann jeder Bischof selbst entscheiden, was er von den Voten umsetzt. Das Ganze sei ein Experiment, haben Kardinal Reinhard Marx und Thomas Sternberg betont, der Bischofskonferenzvorsitzende und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), die gemeinsam dem Prozess vorstehen.

"Die jungen Frauen werden sich nicht mehr abarbeiten, sie werden wegbleiben."

Das hat immerhin so weit funktioniert, dass in der ersten Debattenrunde offenbar geworden ist, wie groß der Wunsch nach Reformen unter den Versammelten ist - auch bei vielen Bischöfen. Als der Erfurter Theologieprofessor Eberhard Tiefensee die Lebenskrisen vieler Priester eine "schwärende Wunde" nennt, plädiert der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode dafür, den Priestern künftig freizustellen, ob sie zölibatär leben wollen oder nicht. Der Limburger Bischof Georg Bätzing spricht sich für eine Öffnung der katholischen Sexuallehre aus, die als Verbotsmoral und nicht mehr als echtes Orientierungswissen wahrgenommen werde. Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße sagt, beim Thema Homosexualität müsse die Kirche "weiterführende Antworten geben"; die Position, wonach man homosexuellen Menschen mit Respekt begegnen müsse, diese aber keusch leben sollten, werde als "verletzend und von oben herab" empfunden - er bekommt dafür viel Applaus.

Vor allem, als es am Samstag um die Rolle der Frauen in der Kirche geht, zeigen sich Zorn und Frust bei vielen anwesenden Frauen. "Sie haben nicht mehr sehr viel Zeit", sagt eine Frau, an die Bischöfe gewendet, eine andere fügt hinzu: "Die jungen Frauen werden sich nicht mehr abarbeiten, sie werden wegbleiben." Die Rednerliste muss bald geschlossen werden, so viele Teilnehmerinnen melden sich zu Wort.

Es gibt aber auch immer wieder Stimmen, die vor zu viel Veränderung warnen. Die Konservativen in der Versammlung haben vor allem im Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und im Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki ihre Fürsprecher. Voderholzer hat gleich zu Beginn der Beratungen am Freitag erklärt, er sehe nicht, dass der Missbrauchsskandal, so schrecklich er sei, zum Ende des Zölibats und zum Priestertum der Frau führen müsse. Zur Geschlechterdebatte erklärt er: "Das ewige Wort des Vaters kann nur entweder als Mann oder Frau Mensch werden"; in dieser "geschöpflichen Geschlechterpolarität gründen die Sakramentalität der Ehe und auch die konkrete Gestalt des Priestertums als Befähigung, Christus als Bräutigam der Kirche darzustellen." Er liest das vorformulierte Statement vom Blatt ab, das, kaum hat er geendet, in den sozialen Medien kursiert, wo die Kritiker des Reformprozesses deutlich besser organisiert sind als die Befürworter: Es hagelt dort Kritik und ab und zu auch Beschimpfung auf die Initiatoren des Synodalen Weges.

Im Saal sind dagegen die Mehrheitsverhältnisse klar: Ein Antrag von fünf konservativen Bischöfen auf eine Sperrminorität in den Foren wird gleich am Freitag mit mehr als 85 Prozent abgelehnt - wobei die Abstimmungen knapper ausfallen dürften, wenn es um inhaltliche Fragen geht. Kardinal Woelki ist dennoch unzufrieden: "Es sind eigentlich alle meine Befürchtungen eingetreten," sagt er dem Kölner Domradio; hier sei "quasi ein protestantisches Kirchenparlament implementiert", die hierarchische Verfasstheit der Kirche infrage gestellt - und gerade die Beiträge der Kritiker ignoriert worden.

Ein Vorwurf, den die Veranstalter in der Abschlusspressekonferenz zurückweisen. Er sei zufrieden, sagte Kardinal Reinhard Marx. Das werde er diese Woche auch Papst Franziskus sagen, wenn er in Rom sei.

© SZ vom 03.02.2020