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Tag der Befreiung vor 75 Jahren:"Nicht einmal die Politiker bestimmen inzwischen, wie die Welt läuft"

Susan Neiman

Susan Neiman. Die US-amerikanische Philosophin lebt seit 1982 mit Unterbrechungen in Berlin und ist seit 2000 Direktorin des Einstein Forums in Potsdam.

(Foto: Bettina Volke)

Heißt das, dass Deutschland auch in punkto Erinnerungskultur immer noch ein geteiltes Land ist?

Das ist leider so. Wenn ich in meinem Buch für eine gesamtdeutsche Aufarbeitung der Vergangenheit plädiere, dann meine ich genau das: Dass man einen universelleren Blick auf die Nazi-Ideologie werfen muss. Der Tod von sechs Millionen Juden wird ja nicht dadurch relativiert, indem daran erinnert wird, dass auch 16 Millionen Bürger der Sowjetunion ermordet wurden und 13 Millionen Soldaten der Roten Armee fielen. Das sind also große große Opferzahlen, denen wir am 8. Mai ebenfalls gedenken müssen.

Appellieren Sie an mehr Selbstkritik vor allem in Westdeutschland?

Das kann ich pauschal so nicht sagen. Selbstkritik ist oft richtig. Also darauf zu schauen, an welchen Punkten die Aufarbeitung der Vergangenheit unzulänglich ist, und da habe ich gerade Beispiele genannt. Es gibt in Deutschland einen Hang zur Selbstkritik, den ich in den meisten Fällen begrüße, und der in anderen Ländern fehlt. Aber diese automatische Selbstkritik, die ich auch erlebe, wenn sich Deutsche zum Beispiel über den Titel meines Buches empören, wie sie vorhin richtigerweise vermutet haben, finde ich auch nicht angemessen. Denn wenn man nicht bemerkt, dass man einige Fortschritte gemacht hat, wird man keine weiteren Fortschritte erzielen können. Und ich wehre mich gegen die Stimmen hier in Deutschland, die sagen: "Wir haben hier auch rassistisch motivierte Morde an Ausländern. Das hat alles nichts genutzt." Diese sehr resignierte Haltung ist sehr gefährlich. Denn wenn man nicht erkennt, dass man schon auf dem Weg ist, verzweifelt man und gibt auf.

Heißt das, dass aus Ihrer Sicht ein gesundes Selbstbewusstsein als Gesamtnation notwendig ist, um auf diesem Weg weitergehen zu können?

Ja, genauso würde ich das bezeichnen. Die deutsche Einheit wird nie vollkommen sein, wenn es nicht zu einer gesamtdeutschen Aufarbeitung der Vergangenheit kommt. Doch wenn das Ost- und Westdeutsche gemeinsam bewältigen, können sie daran wachsen und haben Grund stolz auf sich zu sein.

Sollten das wiedervereinigte Deutschland auch eine stärkere Rolle in der Außenpolitik spielen, die der Größe des Landes und seiner wirtschaftlichen Bedeutung angemessen wäre?

Das würden sich viele Menschen im Ausland tatsächlich wünschen. Ich erinnere mich an die Zeit kurz vor dem Irak-Krieg 2003, als sich Deutschland weigerte, der "Koalition der Willigen" (eine Allianz von Staaten, die den Angriff der USA auf den Irak im Dritten Golfkrieg militärisch unterstützten, Anm. d. Red.) beizutreten. Da haben mir viele Leute in den USA gesagt: "Wir bewundern die deutsche Haltung. Die Deutschen sollen aktiver werden und uns vor George W. Bush beschützen."

Sie schreiben, wer zu einer Erinnerungskultur fähig ist, der ist auch weniger anfällig für rechtspopulistische Strömungen. Kann man daran inzwischen nicht Zweifel haben? Denn auch in Deutschland mit seiner langanhaltenden Vergangenheitsbewältigung gibt es inzwischen die AfD?

Vergangenheitsbewältigung ist immer eine Entwicklung, auch weil neue Generationen nachwachsen, die Dinge anders bewerten. Die Aufarbeitung der Vergangenheit muss also immer wieder neu angegangen werden. Aber ich sage ja auch "weniger anfällig". Und es hat sich gezeigt, dass Deutschland wegen des vorherrschenden Geschichtsbewusstseins dafür tatsächlich "weniger anfällig" ist als seine Nachbarn. Denken Sie an Polen, Ungarn oder Großbritannien! In Frankreich ist der Rassemblement National leider sehr viel stärker als die AfD. Ich will die AfD nicht beschönigen, aber man kann von Deutschland nicht erwarten, dass es nicht Teil einer internationalen Entwicklung ist, in der nationalistische Tendenzen zunehmen.

Wenn Sie die internationale Entwicklung ansprechen: Ist nicht auch die Globalisierung, von der sich die Mittelschicht in den Industrieländern oft bedroht fühlt, ein Grund für den zunehmenden Nationalismus - ganz unabhängig von der Erinnerungskultur?

Dieser neue Nationalismus beruht tatsächlich nicht nur auf blankem Rassismus. Seine Vertreter sind mit einem gewissen Recht erschrocken über diese globalisierte Welt, in der internationale weltumspannende Konzerne zunehmend das Sagen haben, und die Macht sogar auf lokaler Ebene der demokratischen Kontrolle entgleitet. Nicht einmal die Politiker bestimmen inzwischen, wie die Welt läuft. Die Kanzlerin spricht von "marktkonformer Demokratie". Es ist also klar, was im Vordergrund steht. Da scheint der Nationalismus eine einfache Lösung zu sein, die er natürlich nicht ist.

Wenn es so ist, dass sich die etablierte Politik den Multis unterordnet und die Rechtspopulisten in völkisches Denken zurückfallen. Welche Antwort gibt es dann?

Auch für diese wäre ein besseres Geschichtsbewusstsein notwendig. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit haben wir noch nicht das Jahr 1989 aufgearbeitet. Der Kollaps des Sozialismus, der eine anti-nationalistische Ideologie war, beförderte den Glauben daran, dass der Neo-Liberalismus die einzige Alternative ist. Die neo-liberale Ideologie ist allerdings eine passive Ideologie. Es geht nicht mehr darum, was man tut, sondern darum, was man braucht. Also: iPhone, et cetera, et cetera. In Wahrheit ist aber viel wichtiger, wie man auf bestimmte Entwicklungen reagiert. Der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren begegneten die USA mit dem "New Deal" (Sozialreformen, die die Wirtschaftsordnung stabilisierten, Anm. d. Red.), während die Krise in Deutschland Hitler an die Macht brachte. Früher gab es in den USA Gewerkschaften, die ihren Mitgliedern Perspektiven aufgezeigt haben. Die sind verschwunden. Es gibt immer wieder Zwangslagen, aber es besteht auch immer die Möglichkeit, darauf richtig zu antworten.

Sie leben ja seit vielen Jahren in Deutschland. Erkennen Sie an der deutschen Mentalität heute noch Eigenschaften, die den Nationalsozialismus begünstigt haben könnten?

Ja, leider schon. Mich stört immer dieses hierarchische Denken. Das macht mich manchmal verrückt. Wir denken immer, dass die NSDAP vom Pöbel unterstützt wurden, dabei stellten die Akademiker prozentual den höchsten Anteil der Mitgliedschaft. Ich bin immer erstaunt, wie viel übertriebenen Respekt die Menschen hier vor einem Doktor, Professor oder Staatssekretär haben. Für eine Amerikanerin wie mich ist das ziemlich unverständlich.

Susan Neiman: Von den Deutschen lernen. Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können. Hanser Berlin 2020. 576 Seiten, 28 Euro.

© SZ.de/odg
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