Südsudan:Die Schuldfrage

Was die Schuldfrage angeht, so gibt es gute Gründe, das differenzierter zu betrachten, aber mit dem Blabla liegt der Mann schon näher an der Realität. Nachdem die beiden verfeindeten Anführer sich Mitte Mai mal wieder auf ein Waffenstillstandsabkommen geeinigt hatten, hielt Präsident Salva Kiir in der Hauptstadt Juba eine bizarre Ansprache, in der er den Zuhörern dafür dankte, dass sie "so lange der Hitze der Sonne getrotzt" hätten - wobei dies "Teil des Kampfes" sei. Zuvor führte er aus, wie er von den internationalen Vermittlern zu dem Handschlag mit seinem Rivalen Machar gedrängt worden war und wie wenig er auf das Abkommen gibt. Zu dem Zeitpunkt war der Waffenstillstand längst wieder gebrochen. Diese Woche schlossen die beiden erneut einen Friedenspakt, den bald ein ähnliches Schicksal ereilen könnte.

Juba, ein schattiger Garten im Hinterhof eines Gästehauses; aus den Boxen wummert Reggae, ein junger Mann mit zusammengebundenem langen schwarzen Haar, Vollbart, Brille, Langarmshirt, lässt sich ein kühlendes Corona-Bier in die Kehle laufen. Er heißt Mathieu Rouquette, ist Franzose und Landesdirektor von "Mercycorps" und damit einer von etlichen westlichen Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, die sich am Rand der Verbitterung bewegen; darüber, dass die UN viel zu lange viel zu nachsichtig mit den Regierenden der gehätschelten neuen Nation umgegangen sind - und dass sie selbst nun die Scherben aufkehren müssen. "Hier ist so viel Geld investiert worden", sagt er kopfschüttelnd, "Milliarden Dollar. Alles in dem naiven Optimismus: Hey, lasst uns hier Staatsaufbau spielen." Er wird Ende Juni seine Mission im Südsudan beenden und dann eine Auszeit nehmen. "Ich muss dringend etwas unternehmen", sagt er, "damit ich nicht vollends zum Zyniker werde."

Der Südsudan als unabhängige Nation war ein Herzensprojekt der internationalen Gemeinschaft. Sie wollte die schwarzen Christen im Süden aus diesem künstlichen Staatsgebilde namens Sudan herauslösen, einer Hinterlassenschaft der Kolonialzeit, in die sie mit den Muslimen des Nordens gepresst worden waren - und gegen die sie jahrzehntelang einen verheerenden Krieg führten. In Washington tagte schon in den Achtzigerjahren eine Gruppe von sechs Diplomaten und Akademikern regelmäßig in einem italienischen Bistro; sie nannten sich "Der Rat" und gaben sich Titel wie "Der Kaiser" oder "Der Speerträger". Sie feilten an Plänen zur Unterstützung der christlichen Rebellen und betrieben Lobbyarbeit bei ihrer Regierung für die Unabhängigkeit des Südens. Mit Erfolg. Vier von ihnen schrieben vergangenes Jahr einen Brief an Präsident Kiir, in dem sie wetterten: "Wir können nicht die Augen davor verschließen, wenn die Opfer von gestern die Täter von heute werden."

Sechs Milliarden Dollar Öl-Einnahmen - und das meiste fließt in Waffenkäufe

An guten Absichten hat es nicht gefehlt. Die norwegische Regierung, die die Rebellen des Südsudan jahrelang im Kampf gegen das Regime in Khartum unterstützt hatte, schickte einen Stab von Beratern in den jungen Staat, um bei der Formulierung eines nationalen Ölgesetzes zu helfen; der erste Absatz darin lautet, wie auch in Norwegen: "Das Öl gehört dem Volke."

Sechs Milliarden Dollar sind es jährlich, die der südsudanesische Staat offiziell durch Ölverkäufe einnimmt, ein Großteil davon fließt nun in Waffenkäufe oder auf Auslandskonten; die Restfunktionen des Staates hält die internationale Gemeinschaft aufrecht, mit Steuergeld aus ihren Mitgliedsländern. Mindestens 1,8 Milliarden Dollar braucht das Land nach UN-Schätzungen dringend im Laufe dieses Jahres, um eine Hungerkatastrophe abzuwenden. Kürzlich haben Amerika, Großbritannien und Norwegen zugesagt, ihre Hilfen um 600 Millionen Dollar aufzustocken, doch es fehlen weitere 600 Millionen.

Das Hauptquartier von Unmiss, der Mission der Vereinten Nationen im Südsudan: In einem Containerbüro sitzt Hilde Johnson, die Frau, die sich als Hebamme dieses jungen Staates eingesetzt hat wie kaum jemand. Sie trägt ein schwarzes Wickelkleid mit asiatischem Blumenmuster, und aus ihren Augen blitzen Trotz und Angriffslust. Geboren ist sie als Tochter norwegischer Missionsschullehrer in Tansania, betont gerne, dass sie fließend Swahili spricht und sich schon als Kind mehr als Afrikanerin denn als Europäerin gefühlt habe. Sie war norwegische Entwicklungsministerin, hat als Vermittlerin entscheidend an den Verhandlungen zum Friedensabkommen mitgewirkt, der Basis für die Unabhängigkeit des Südsudan, und als es 2011 soweit war, ernannte UN-Chef Ban Ki Moon sie zur Unmiss-Chefin. Nun hat sie gerade verkündet, dass ihre Mission endet und sie das Land verlassen wird.

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