Die politischen Rivalen im jüngsten Staat der Welt, dem Südsudan, haben das Land an die Schwelle eines neuerlichen Bürgerkriegs manövriert. Diese Einschätzung teilen zahlreiche Analysten, sie wurde jüngst auch in aller Deutlichkeit vom Chef der UN-Blauhelm-Mission Unmiss im Südsudan, Nicholas Haysom, formuliert.
Nach einer aufreibenden Nacht in der Hauptstadt Juba warf der Analyst Alan Boswell von der International Crisis Group im Gespräch mit dem Sender Al Jazeera die Frage auf: Ist es noch möglich, die drohende Eskalation in letzter Minute zu stoppen? Oder wird sich, wie viele befürchten, großflächig ethnische Gewalt im Südsudan entladen, ähnlich wie es das Land bereits in früheren Jahren erlebt hat. Niemand konnte das in den frühen Stunden des 27. März vorhersehen. Klar war zunächst nur, dass sich die prekäre Lage noch mal gefährlich zugespitzt hatte.
Eine tiefe Wirtschaftskrise kommt hinzu
Nach Wochen wachsender Spannungen und sporadischer Gefechte in mehreren Regionen des Südsudans stellten Truppen des Staatspräsidenten Salva Kiir den Ersten Vizepräsidenten, Riek Machar, in der Nacht unter Hausarrest. Eigentlich stehen die beiden Politiker an der Spitze einer Übergangsregierung, sie sollen sich die Macht teilen, auf Versöhnung hinarbeiten und Reformen des Sicherheitssektors vorantreiben. Doch die Beziehung ist von Feindseligkeit und Misstrauen geprägt.
Etwas vereinfacht gesagt, wird der Konflikt im Südsudan dominiert von einer tief verwurzelten Rivalität zwischen dem Volk der Dinka, dem Kiir angehört, und der Ethnie der Nuer, zu der Machar zählt. In Machars Lager gibt es die Furcht, verfolgt und marginalisiert zu werden; Kiirs Kräfte werfen der Gegenseite vor, Gewalt zu schüren und die Armee anzugreifen.
Verschärft werden die Spannungen durch eine tiefe ökonomische Krise, die teils mit Korruption und Missmanagement zu tun hat, andererseits aber auch daraus resultiert, dass der Südsudan lange Zeit gar keine Öleinnahmen mehr verzeichnete. Es konnte den Rohstoff nicht mehr über eine wichtige Pipeline bis zum Roten Meer transportieren, weil sich im nördlichen Nachbarland Sudan zwei verfeindete Generäle seit zwei Jahren bekriegen.
Dass Machar festgesetzt wurde, bestätigte zunächst dessen Partei, mehrere Medien berichteten von dem Übergriff, Kiirs Lager äußerte sich zunächst nicht. Der Staatspräsident kann auf den Rückhalt der ugandischen Armee setzen, die Regierung des südlichen Nachbarn hat Einheiten nach Juba entsandt. Kiir und Ugandas Präsident Yoweri Museveni gelten seit Jahrzehnten als enge Verbündete.
Einheiten des südsudanesischen Verteidigungsministers haben laut Berichten aus Juba nicht nur das Haus von Riek Machar, sondern das gesamte Gelände rundherum weiträumig abgeriegelt. Sie fuhren mit Panzern auf, entwaffneten Machars Bodyguards, sammelten Mobiltelefone ein. Es soll sogar den Versuch gegeben haben, Machar in der Nacht zu verschleppen. Offenbar ist es dazu nicht gekommen.
Die US-Regierung forderte Staatschef Salva Kiir auf der Plattform X dazu auf, den Hausarrest rückgängig zu machen und eine weitere Eskalation zu vermeiden. Die politischen Führer im Südsudan sollten sich auf ihre Verpflichtung besinnen, auf Frieden hinzuarbeiten.
Damit bezog sich Washington indirekt auf das Südsudan-Abkommen von 2018. Darin hatten sich die Anführer Machar und Kiir auf eine Übergangsregierung der nationalen Einheit geeinigt, um die Gewalt zu beenden, verfeindete Gruppen miteinander auszusöhnen und Reformen, vor allem im Sicherheitssektor, einzuleiten. Bereits 2013, zwei Jahre nach der nationalen Unabhängigkeit vom Regime in Khartum, war im noch jungen Staat Südsudan ein Bürgerkrieg ausgebrochen, der laut Schätzungen 400 000 Menschenleben kostete.
Gemeldet wurden jüngst Gefechte zwischen Truppen Machars und der Armee von Kiir in der Nähe der Hauptstadt Juba, aber auch aus dem Bundesstaat Unity State im Norden sowie aus dem Ort Tonga in der Gegend Upper Nile. In diesem Bundesstaat, der an den Sudan grenzt, eskaliert die Lage schon seit Anfang März. Milizen, die Riek Machar nahestehen sollen, haben Militärstützpunkte der Armee überrannt, als Vergeltung schlagen Kiirs Einheiten zurück.
Schreckliche Verbrennungen durch Fassbomben
Besonders verstörend waren Berichte über den mutmaßlichen Einsatz von Fassbomben, die leicht entflammbare Chemikalien enthalten haben sollen. Angeblich handelt es sich um Bestände des Lösungsmittel Ethylacetat. Nicholas Haysom, Chef der UN-Blauhelmmission Unmiss im Südsudan, warnte in einem Briefing den UN-Sicherheitsrat vor den Folgen der jüngsten Ereignisse, das Land stehe „an der Schwelle zum Rückfall in den Bürgerkrieg“. Er prangerte den willkürlichen Beschuss von Zivilisten an und sprach vom Einsatz leicht entflammbarer Waffen, die zu „schrecklichen Verwundungen, besonders Verbrennungen“ führen und offenbar auch Frauen und Kinder treffen.
Unmiss im Südsudan zählt zu den größten Peacekeeping-Einsätzen der Vereinten Nationen, im Land sind etwa 18 000 Kräfte stationiert, davon 13 000 Soldaten. Sie sollen den Befriedungsprozess unterstützen, konnten die jüngsten Exzesse aber nicht verhindern. Deutschland und Norwegen kündigten diese Woche an, ihre Botschaften in Juba vorübergehend wegen der bedrohlichen Entwicklungen zu schließen.

