Das bärtige Gesicht von Salva Kiir, überschattet von der Krempe seines schwarzen Cowboyhuts, bekommen seine Landsleute in Südsudan nicht mehr häufig zu sehen. Die öffentlichen Auftritte des Präsidenten sind seltener geworden, was damit zu tun haben dürfte, dass es um die Gesundheit des 73-Jährigen nicht zum Besten steht. Viel bedrohlicher sind aber die politischen Zustände im jüngsten Staat der Welt, der sich 2011 vom islamistischen Regime des Nordens abgespalten hatte. Südsudan trudelt Richtung Bürgerkrieg. Wird die Lage nicht umgehend entschärft, könnte sie weitere große Flüchtlingsströme im Nordosten Afrikas auslösen.
Südsudan ist deutlich kleiner als sein nördlicher Nachbar Sudan, aber der Fläche nach doch fast doppelt so groß wie Deutschland. Etwa zwölf Millionen Menschen leben dort, viele in prekärer Lage, Kinder hungern. Regiert werden sollte das noch junge Mitglied der Vereinten Nationen von der Hauptstadt Juba aus, doch das ist seit der Unabhängigkeit 2011 kaum gelungen. Machtkämpfe, Ausbeutung, Gewalt und horrende Korruption zerreißen das multiethnische Land. Nun eskalieren die Spannungen zwischen rivalisierenden Kräften – eine Entwicklung, vor der auch der Thinktank International Crisis Group warnt.
Wie verworren die Lage ist, zeigt seit Dienstag der Streit um angeblich ins Land entsandte ugandische Spezialkräfte. Sie sollen den Auftrag haben, den Regierungssitz Juba abzusichern und den mit Uganda verbündeten Staatschef und Ex-Rebellen Salva Kiir vor einem möglichen Sturz durch seine Gegner zu bewahren. Die ugandische Armee bestätigte die Intervention, während die südsudanesische Regierung später dementierte. Augenzeugen aus Juba beschreiben die Stimmung als äußerst angespannt. Ein lokaler Radioreporter sagte: „Es geht alles in die falsche Richtung.“
Es tobt ein Kampf um Ressourcen und politische Teilhabe
Früher, als nur ein sudanesischer Staat formal existierte, kämpften unterdrückte Ethnien im Süden jahrzehntelang gegen das Militärregime des Nordens. Als die ersehnte Unabhängigkeit für die Rebellen kam, brachte sie nicht den erhofften Frieden. Schon 2013 waren die Spannungen zwischen den Gruppen zum offenen Bürgerkrieg eskaliert, der erst 2018 durch ein Abkommen beendet werden konnte. Die Dauerkrise hat das nicht gestoppt.
Salva Kiirs wichtigster Gegenspieler heißt Riek Machar und ist Vizepräsident, beide misstrauen einander massiv. Kiir hatte zuletzt wiederholt Generäle und Politiker einsperren lassen, die mit Machar verbündet sind, das Haus des Vizepräsidenten wird laut Berichten aus Juba von der Armee belagert. Die Rivalen gehören unterschiedlichen Ethnien an, Kiir ist ein Dinka, Machar ein Nuer, was aber nur einer von mehreren Faktoren ist, die Frieden und Aussöhnung erschweren.
Es tobt ein Kampf um Ressourcen und politische Teilhabe in einem Staat, dessen Einnahmen aus den Ölreserven massiv von den herrschenden Zirkeln und ihren Günstlingen ausgeplündert wurden. Alle Versuche, Milizen in die nationale Armee einzugliedern, sind bisher gescheitert. Wahlen wurden mehrfach verschoben, zuletzt auf Ende 2026. Von geeigneten Bedingungen für eine Stimmabgabe ist das Land aber weit entfernt.
Ein südsudanesischer General und ein UN-Angehöriger wurden getötet
Zuletzt hatte der Krieg im nördlichen Nachbarland Sudan dazu geführt, dass Juba kein Öl mehr über die Pipeline bis ans Rote Meer exportieren konnte. Die Einnahmen brachen ein, monatelang wurden Staatsdienern keine Löhne mehr bezahlt. Das schürte zusätzliche Spannungen im Südsudan, in dem eine der größten UN-Missionen weltweit stationiert ist. Die UNMISS soll einem Rückfall in kriegerische Konfrontationen entgegenwirken.

Doch Meldungen schwerer Gewalt kamen schon vor einigen Tagen aus dem Bundesstaat Upper Nile, wo die Armee gegen eine lokale Nuer-Miliz kämpft; zahlreiche Menschen starben. Bei einem Evakuierungsversuch mit einem UN-Hubschrauber wurden unter Beschuss ein südsudanesischer General und ein UN-Crewmitglied getötet. Am 8. März ordnete die US-Regierung an, dass alle nicht essenziellen Mitarbeiter Südsudan verlassen müssen, ein weiterer Beleg für die Verschärfung der Lage.
Experten halten Hinweise für plausibel, dass auch die Armee des Sudan, unter General Abdel Fattah al-Burhan, im Südsudan mitmischt. Mutmaßlich stützt sie jetzt die Nuer-Milizen in Upper Nile gegen Salva Kiir. Die Armee des Sudan will verhindern, dass ihr großer Kriegsgegner, die RSF-Miliz unter dem Kommando von Mohamed Hamdan Dagalo, eine breite Rückzugszone im Südsudan etablieren kann. Gut möglich, dass Burhans Truppen deshalb die Nuer-Milizen im Süden zu steuern versuchen, um den RSF-Einfluss zu stören. Neu wäre eine solche Taktik im sudanesischen Kontext nicht. Doch das ist nur ein möglicher Faktor, die schwierige Quellenlage macht die Lage unübersichtlich.
Wenn sich nun, nach fast zwei Jahren Krieg im Sudan, auch noch der Südsudan breitflächig entzündet, hätte dies katastrophale Folgen für die notleidende Bevölkerung. Die Zone des Hungers und der Gewalt in der Nil-Region würde noch größer.

