Südkorea Wunsch nach Entflechtung

Südkorea wählt nach dem Skandal um die abgesetzte Staatschefin einen neuen Präsidenten.

Von Christoph Neidhart, Seoul

Noch bevor die Wahllokale am Dienstagmorgen öffnen, haben bei den Präsidentschaftswahlen in Südkorea bereits elf Millionen Koreaner vorzeitig gewählt, das sind mehr als 26 Prozent der Wahlberechtigten. Die Demoskopen leiten daraus eine hohe Wahlbeteiligung von mehr als 80 Prozent ab. Die Südkoreaner sind politisiert, sie wollen den Korruptionsskandal um ihre abgesetzte Präsidentin Park Geun-hye hinter sich bringen und fordern einen Neuanfang, insbesondere die Entflechtung von Großkonzernen und Politik.

Die erste Maiwoche ist in Südkorea traditionell eine Feiertagswoche, die dank den Wahlen dieses Jahr zur elftägigen "goldenen Woche" geworden ist, wie die Medien sie nennen. Viele Koreaner hatten am 1. Mai frei, der 3. Mai wird als Buddhas Geburtstag begangen, der 5. ist der Tag des Kindes. An einem Wahltag wird in Korea grundsätzlich nicht gearbeitet. Deshalb nahmen viele die übrigen Tage frei, auch ganze Firmen machten zu. Viele Koreaner verreisten, besuchten ihre Heimatdörfer. Deshalb hat die Wahlbehörde vorige Woche an zwei Tagen im ganzen Land Wahllokale für eine vorzeitige Stimmabgabe geöffnet, vor allem an Bahnhöfen und Flughäfen.

Die sonst so hektischen Großstädte dagegen dösen. Umso größer der Kontrast, wenn der Tross eines der 13 Präsidentschaftskandidaten anrückt, von denen allerdings nur fünf ernst genommen werden. Spitzenreiter Moon Jae-in begann seine Wahlkampftour am Samstag in der Hafenstadt Incheon westlich von Seoul. Schrille Stimmen einer K-Pop-Mädchen-Band plärrten über den Platz, eine Tanzgruppe trat auf. Tausende waren gekommen, Wahlkampf ist Volksfest. Schließlich sprach Moon von einem zur Bühne umgebaut Lkw. Seine Partei hat für den Wahlkampf 300 Laster gemietet. Danach nahm der Kandidat buchstäblich ein Bad in der Menge, ließ sich umarmen und wurde auf Hunderten Selfies verewigt. In seiner Rede machte er spezifisch auf Incheon zugeschnittene Versprechen.

Auf die "Sewol"-Katastrophe reagierte Park gleichgültig. Das machte die Bürger wütend

Am Sonntag sagte er dann wie die meisten anderen Kandidaten die geplanten Auftritte ab, um nach Gangneung im Osten der Halbinsel zu eilen, wo Waldbrände wüten, bei denen schon Menschen gestorben sind. Die Gleichgültigkeit, die Park zeigte, nachdem die Sewol-Fähre gesunken war, hat mehr zur Volkswut beigetragen als Parks Bestechlichkeit. Daraus haben Koreas Politiker ihre Lehren gezogen.

In den letzten sechs Tagen vor der Wahl dürfen keine Umfragen mehr veröffentlicht werden. Doch Moons Vorsprung war so groß, dass kaum mehr jemand an seinem Wahlsieg zweifelt. Schon gar nicht, seit das US-Nachrichtenmagazin Time ihn auf die aktuelle Titelseite hob. Koreas Medien feiern das als Krönung - auch von Korea.

Seine Wahlkampfhelfer träten auch bereits so auf, als hätten sie die Macht, klagt das Lager seines früheren Partners und jetzigen Rivalen Ahn Cheol-soo. Prominente, die sich in den sozialen Medien zu einem anderen Kandidaten bekannten, wurden elektronisch belästigt. Dabei hatte Moons Minjoo-Partei erst gezögert, als die Straße die Absetzung Parks forderte, sich die Bewegung dann aber angeeignet. Obwohl sie sich, anders als Ahn Cheol-soo, nie für eine Entflechtung von Politik und Großindustrie eingesetzt hat, sondern auch von Samsung und anderen Konzernen profitiert.