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Südkorea:Kimchi mit Irgendwas

Eating Lunch

Schon im Korea-Krieg war das Essen wichtig: Ein Soldat der südkoreanischen Armee breitet 1951 seine Feldration aus - die damals aus Japan kam.

(Foto: Interim Archives/Getty)

Soldaten klagen über ihr Essen und posten, was sie auf ihren Blechtellern vorfinden - in Südkorea ist das eine Staatsaffäre.

Von Thomas Hahn, Tokio

Neulich in der 202. Brigade der 72. Infanterie-Division in Yangju war das Essen in Ordnung. Song Young-gil, der Chef der regierenden Demokratischen Partei in Südkorea, beschwerte sich jedenfalls nicht, als er die Kaserne 50 Kilometer nördlich von Seoul besuchte. Und auf dem Bild der Nachrichtenagentur Yonhap, das Song mit jungen Soldaten in der Kantine zeigte, waren die Blechteller gut gefüllt: Reis mit vier Beilagen, wie es sich gehört. Das wäre allerdings auch ein heftiger PR-Fehlschlag für Songs Demokraten gewesen, wenn sich ausgerechnet bei seiner Kasernenvisite die Debatte über unzureichende Soldatenmahlzeiten fortgesetzt hätte.

Das war kein kleiner Aufreger im Tigerstaat, als junge Soldaten vor einigen Wochen Bilder von ihren dürftigen Mahlzeiten ins Internet stellten. Sie waren aus dem Urlaub zurückgekehrt, mussten ihre Coronavirus-Isolation absitzen und wurden dabei mit sehr karger Kost versorgt. Die Bilder zeigten unter anderem schwarze Plastiktabletts mit einem Batzen Reis, leeren Fächern, ein bisschen Kimchi oder Spuren von irgendwas, das schwer zu identifizieren war. Es gab ein eigenes Facebook-Konto für diese Zumutungen der Armee-Küche. Die Zeitung Dong-a Ilbo berichtete, dass ein Wettbewerb entbrannte: Wo in Südkoreas Militär gibt es das schlechteste Essen?

Die oberste Heeresleitung wollte die Kritik erst abtun. Aber das Beweismaterial war erdrückend. Außerdem berührt der Konflikt die Tiefen des Nationalstolzes. Essen ist in Südkorea nicht nur ein wichtiges soziales Geschmacksereignis mit klarer Tischetikette, das man sogar in speziellen Fernsehshows feiert. Es ist auch ein Symbol für die Stärke des Landes. Nach dem Korea-Krieg 1953 war Südkorea lange eines der ärmsten Länder der Welt, Unterernährung war weit verbreitet. Dass ihr Land heute reich versorgt ist mit Lebensmitteln, sehen viele Südkoreaner immer noch als historische Errungenschaft.

Mangelnde Verpflegung beim Militär - das gilt als Vergehen an der Nation

Und die Armee ist wichtig, weil man sich ja offiziell noch im Krieg mit Nordkorea befindet. Der Korea-Krieg endete ohne unterschriebenen Friedensvertrag. Die demilitarisierte Zone, welche die koreanische Halbinsel teilt, ist eine der am schärfsten bewachten Grenzen der Welt. Die Wehrpflicht ist streng, das Recht zu verweigern noch sehr jung. Wenn Soldaten zu wenig zu essen kriegen, ist das demnach ein Vergehen am koreanischen Selbstverständnis.

Deshalb wird das Thema auch angegangen. Verteidigungsminister Suh Wook hat sich entschuldigt. Er hat zuletzt seine Spitzenkommandeure um sich versammelt, um über das Essen zu sprechen. Sein Haus hat außerdem gelobt, künftig mehr Geld für die Soldatenspeisung auszugeben. Und mittlerweile liegt das erste Ergebnis der internen Ermittlung zu den Gründen für die schmale Kost vor. Es sei schlicht nicht genügend Essen da gewesen - wegen "unzureichender Versorgung" und "Fehlern im Prozess der Essensverteilung".

Die Überprüfung gehe weiter, teilte das Ministerium mit. Die Verantwortlichen werden verwarnt, disziplinarische Maßnahmen werde es auch geben. Welche? Vorerst unklar. Aber Südkoreas Regierung wird wohl eher nicht so weit gehen, den gescheiterten Lebensmittel-Managern ihren eigenen Fraß vorzusetzen.

© SZ/jbb
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