Südkorea:Clinch der Populisten

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Südkorea: Präsidentschaftskandidat der Opposition Yoon Suk-yeol: Nicht nur er selber wird kritisiert, sondern auch seine Frau und seine Schwiegermutter.

Präsidentschaftskandidat der Opposition Yoon Suk-yeol: Nicht nur er selber wird kritisiert, sondern auch seine Frau und seine Schwiegermutter.

(Foto: Chris Jung via www.imago-images.de/imago images/NurPhoto)

2022 wird ein Jahr des Wechsels in Südkorea. Am 9. März wählt das Land einen neuen Präsidenten. Aber der Streit der Kandidaten liefert vorerst vor allem Argumente für mehr Politikverdrossenheit.

Von Thomas Hahn, Tokio

Am Sonntag gab es den Versuch eines Befreiungsschlags für Yoon Suk-yeol, den Ex-Staatsanwalt, der Südkoreas nächster Präsident werden will. Der Kandidat der größten konservativen Oppositionspartei PPP trug dazu allerdings wenig bei. Er hielt weder eine brillante Rede noch stach er seinen Widersacher Lee Jae-myung von der Demokratischen Partei (DP) in einer Debatte mit klugen Argumenten aus.

Nein, seine Frau Kim Keon-hee, Geschäftsführerin einer Eventagentur, trat vor die Medien und entschuldigte sich mit einer tiefen Verbeugung vor der südkoreanischen Öffentlichkeit dafür, dass sie bei der Bewerbung für Dozentinnenjobs ihren Lebenslauf aufgehübscht habe, "damit er besser aussieht". In der PPP-Zentrale im Seouler Stadtteil Yeouido sagte sie: "Sie können mich für meine Fehler beschuldigen, aber bitte entziehen Sie nicht meinem Mann Ihre Unterstützung." Für Yoon und seine Anhänger war das eine heilsame Reaktion auf die anhaltende Negativberichterstattung. Fall gelöst. Oder?

2022 wird ein Jahr des Wechsels für Südkorea. Am 9. März geht es in direkter Personenwahl um die Nachfolge von Moon Jae-in, der sich nach seiner fünfjährigen Regierungsperiode nicht zur Wiederwahl stellen darf. Gesucht wird ein Staatsmann, der nicht nur den Tigerstaat aus der Corona-Krise in eine emissionsfreie Zukunft führt, sondern auch als Partner der USA friedensstiftende Beiträge zur Nordkorea-Politik liefert. Der Wahlkampf läuft. Aber bisher glänzen die Kandidaten der beiden größten Parteien nicht mit niveauvollen Diskussionen. Yoon Suk-yeol und Moons Parteifreund Lee Jae-myung sind bisher vor allem mit Schmutzkampagnen beschäftigt.

Südkorea ist erst seit 1987 eine parlamentarische Demokratie. Die Streitkultur im Land ist noch nicht sehr fortgeschritten. Und die Politik ist gespalten. Hier die konservativen Erben der alten autoritären Ordnung. Dort die einstigen Freiheitskämpfer, welche die DP an die Macht geführt haben.

Es droht ein Präsident mit wenig Rückhalt

Man schreit sich an, statt in Debatten an einem besseren Korea zu arbeiten. Viele im Land nervt das. Und die aktuellen Kandidaten verstärken die Verdrossenheit. Unter anderem wegen diverser Enthüllungen: DP-Mann Lee Jae-myung hat Probleme, weil er in einen Landentwicklungsskandal verwickelt sein soll und weil sein Sohn angeblich zu sehr dem Glücksspiel zuneigt. Yoon Suk-yeol wiederum soll einen PPP-Parlamentarier zu Strafanzeigen gegen liberale Politiker angestiftet haben. Und außer seiner Frau bringt ihm auch seine Schwiegermutter Negativschlagzeilen; kürzlich wurde diese wegen Urkundenfälschung bei einem Grundstückskauf zu einer Haftstrafe von einem Jahr verurteilt.

In den Umfragen sind Lee und Yoon fast gleichauf, mit leichten Vorteilen für den DP-Mann Lee. Aber auffällig ist vor allem die große Zahl an Menschen, die zweieinhalb Monate vor der Wahl keinen der Kandidaten gut finden, nicht einmal die ohnehin chancenlosen Alternativen aus den kleinen Oppositionsparteien Gerechtigkeitspartei und Volkspartei. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup Korea erklärten 16 Prozent der Befragten, nach Stand der Dinge würden sie niemanden wählen. In der Korea Times warnt der Politikwissenschaftler Cha Jae-won von der Katholischen Universität Pusan, wenn das so weitergehe, "könnten Mitte- und Wechselwähler entmutigt werden, zur Wahl zu gehen". Die Folge wäre ein Präsident mit wenig Rückhalt.

Aber ohne Polarisierung können Lee Jae-myung und Yoon Suk-yeol wohl nicht arbeiten. Sie sind zwei selbstbewusste Protagonisten der Feindschaft zwischen Liberalen und Konservativen. Lee, 57, stammt aus einfachen Verhältnissen, konnte trotzdem Jura studieren und wurde ein Anwalt, der sich für Arbeiterrechte engagiert. Er war Bürgermeister der Stadt Seongnam bei Seoul und ab 2018 bis zu seiner Präsidentschaftskandidatur Gouverneur von Südkoreas bevölkerungsreichster Provinz Gyeonggi, die sich wie ein dicht besiedelter Speckgürtel um die Hauptstadt Seoul legt. Er profilierte sich als Sozialpolitiker, verspricht ein bedingungsloses Grundeinkommen, eine progressive Umweltpolitik und will Moons Kurs der Annäherung an Nordkorea fortsetzen.

Aber als Gouverneur hat er schon exklusive Pflicht-PCR-Tests für Ausländer durchgezogen. Hat mit strammer Law-and-Order-Mentalität Aktivisten bekämpft, die Ballons mit systemkritischer Fracht nach Nordkorea schicken wollten. Und in der Gleichstellungsfrage wirkte er zuletzt vor allem um die Männer besorgt.

Yoon will im Notfall US-Atomraketen

Yoon Suk-yeol, 61, ist ebenfalls Jurist. Er hat sich wohl auch kurz mal als Anwalt versucht, stellte aber fest, dass ihm die Anklage mehr liegt als die Verteidigung. Er wurde Staatsanwalt. Er leitete die Ermittlungen im Korruptionsskandal um die verurteilte und neuerdings begnadigte konservative Ex-Präsidentin Park Geun-hye. Unter Moon wurde er Generalstaatsanwalt. Aber dann ermittelte Yoon auch gegen Moons damaligen Justizminister Cho Kuk, der an einer Justizreform gegen die Übermacht parteiischer Staatsanwälte arbeitete. Weil Yoon seine Macht verteidigen wollte?

Ständig kam Yoon in Konflikt mit Moons Regierung, bis diese ihn Ende 2020 suspendierte. Im Frühjahr 2021 war die Reform dann umgesetzt und eine neue Behörde geschaffen, die Korruption im öffentlichen Dienst nachgehen soll. "Der Geist der Verfassung und der Rechtsstaat bröckeln", sagte Yoon und trat zurück. Sein Kampf gegen die DP-Regierung dürfte also auch eine persönliche Note haben. Und in der Nordkorea-Frage ist er auch ganz anderer Meinung. Er ist für mehr Schutz durch den großen Bündnispartner USA, im Notfall sogar für amerikanische Atomraketen in Südkorea.

Vorerst wirken weder Lee noch Yoon besonders staatsmännisch. Sie sehen aus wie zwei Populisten im Clinch. Aber vielleicht finden sie bis zur Wahl ja noch einen etwas ausgewogeneren Ton. Silvester ist der Tag der guten Vorsätze.

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