Die Umfragen in den Tagen vor der Präsidentschaftswahl in Südkorea waren so eindeutig, dass Lee Jae-myung von der Demokratischen Partei (DP) sich schon vorher überlegen konnte, wie er seinen Sieg bejubeln sollte. Mit geballten Fäusten? Victory-Zeichen? Tanzeinlage? Allerdings musste er sich an diesem sonnigen Wahl-Dienstag lange gedulden, ehe er den begeisterten Parteifreunden seine Entscheidung vorführen konnte. Erst um 20 Uhr Ortszeit schlossen die Wahllokale. Um Mitternacht wurde das erste Ergebnis der Auszählung erwartet.
Als die größten Fernsehsender KBS, MBC und SBS die Resultate ihrer Umfragen vor den Wahllokalen vorlegten, durfte sich Lee bestätigt fühlen. Auf 51,7 Prozent kam er nach den Prognosen, Widersacher Kim Moon-soo von der konservativen Regierungspartei PPP auf 39,3. Das war fast Gewissheit: Der streitbare Sozialdemokrat Lee Jae-myung, 61, würde der neue Präsident Südkoreas werden. Trotzdem wartete er. Gegen viertel vor zwölf, als knapp 44 Prozent der Stimmen ausgezählt waren, trat er zum ersten Mal vor die Leute. Lee winkte vorsichtig. Leise sagte er, es sei noch etwas früh, vom Sieg zu reden. Aber falls er gewinne, „werde ich mein Bestes für mein Volk geben“. Wenig später meldeten die Sender, dass Lee Jae-myung der Sieg nicht mehr zu nehmen sei.
Der vorige Präsident wollte die liberale Opposition ausschalten – per Kriegsrecht
44,39 Millionen Menschen in Südkorea waren zur Wahl aufgerufen. Viele von ihnen werden mit ihrer Stimme die Hoffnung auf mehr Ausgeglichenheit in ihrem Land verbunden haben. Denn Chaos und Streit haben Südkoreas Politik in den vergangenen sechs Monaten geprägt. Die Kriegsrechtserklärung vom 3. Dezember, mit welcher der vorige Präsident Yoon Suk-yeol von der PPP die liberale Opposition hatte ausschalten wollen, war ein Schock. Yoon weckte damit böse Erinnerungen an die Zeit der Diktatur in den Jahrzehnten vor 1987. Die Freiheit schien in Gefahr zu sein. Mächtige Proteste setzten ein – bis Yoon des Amtes enthoben war.
Gleichzeitig verteidigte die Masse der Yoon-Fans auf der Straße und auf Youtube die Kriegsrechtserklärung ihres Idols. Die DP stehe für einen staatsfeindlichen Kommunismus, ihre Mehrheit im Parlament habe sie manipulierten Wahlen zu verdanken. Keine Beweise, nur Gebrüll. Jeder konnte sehen, wie tief Irrglaube und Verschwörungstheorien in diesem Teil der südkoreanischen Gesellschaft wurzeln. Und der PPP gelang es nicht, sich davon zu distanzieren. Ihr Kandidat Kim Moon-soo gilt als Yoon-Anhänger. Einen gemäßigteren PPP-Kandidaten verhinderte er, indem er sich gegen die Parteispitze auflehnte. Die klare Niederlage war die Quittung für seinen Eigensinn.
Der neue Präsident regiert nun also über eine tief gespaltene Nation. Ein neuer innerer Frieden muss her. Ob ausgerechnet Lee Jae-myung der Richtige für diese Aufgabe ist?
Es gibt auch Misstrauen gegen Lee
Einiges spricht für ihn. In Andong wuchs Lee einst als eines von sieben Kindern einer Kleinverdiener-Familie auf, er kennt also die Härten des Lebens. Regierungserfahrung hat er auch. Lee war von 2010 an acht Jahre lang Bürgermeister der Großstadt Seongnam, danach drei Jahre lang Gouverneur der Provinz Gyeonggi. Und in der DP hat er sich gegen Widerstände zu einem fast unangefochtenen Anführer emporgearbeitet – in Südkorea mag man starke Chefs.
Andererseits haben ihn viele noch als Populisten in Erinnerung, der mit seiner Rhetorik zur feindseligen Stimmung beitrug. Sein Führungsstil wirkte manchmal rücksichtslos. Gerüchte und Enthüllungen haben über die Jahre bei vielen das ungute Gefühl geschürt, dass Lee nicht immer ehrlich ist. Auch deshalb verlor er vor drei Jahren wohl knapp gegen Yoon. Während Yoons Amtszeit eröffnete die Staatsanwaltschaft dann mehrere Verfahren gegen ihn, unter anderem wegen Korruptionsverdachts aus seiner Zeit als Bürgermeister. Lee bestreitet die Vorwürfe.
Und nun? Lee Jae-myung wird ein starker Präsident sein. Seine DP hat die Mehrheit im Parlament, er dürfte also die meisten Vorhaben durchsetzen. Gegen die Klagen der Staatsanwaltschaft ist er im höchsten Amt immun. Liberale Beobachter halten sie ohnehin für politisch motiviert. Der Ex-Staatsanwalt Yoon habe als Präsident seine Kritiker aus dem Weg räumen wollen, sagen sie. Genau diesem Verdacht dürfte die Lee-Verwaltung nachgehen. Yun Bok-nam, Präsident der Non-Profit-Organisation Lawyers for a Democratic Society, schreibt auf SZ-Anfrage via Email: Durch eine Untersuchung nach dem Regierungswechsel „könnten die strafbaren Handlungen aus der Verbindung zwischen Yoon Seok-yeol und der Staatsanwaltschaft bestätigt werden“.
Aber das Misstrauen bleibt. Für die Einheit der Nation wird es nicht reichen, wenn Lee Jae-myung mit seiner neuen Macht Vorwürfe abräumt und seine Linie durchzieht. Lee klang zuletzt versöhnlicher als früher, dabei muss er bleiben. Er braucht eine Politik, die dem ganzen Land hilft und keine neuen Feindbilder aufbaut.
Die Wahl folgte einer Amtsenthebung, deshalb gibt es keine Übergangsphase bis zum Amtsantritt; gleich an diesem Mittwoch kann Lee mit dem Regieren beginnen. Die erste Herausforderung wird für ihn sein, mit dem US-Kollegen Donald Trump vom Bündnispartner USA in Kontakt zu treten. Trumps Zölle belasten das Exportland Südkorea besonders. Mit öffentlichem Lob hat Lee schon versucht, bei Trump einen guten Eindruck zu machen. Die andere große Baustelle ist das eigene Land. Der streitbare Lee Jae-myung muss zusehen, dass man in Südkorea künftig mehr miteinander statt gegeneinander kämpft.

