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Südkorea:Im Schatten der Bombe

Karikatur von Kim Jong Un

Keine Angst vor Kim Jong Un? Ein südkoreanischer Aktivist verbrennt eine Karikatur des Diktators.

(Foto: AFP)

Südkorea hat sich an seinen verrückten Nachbarn längst gewöhnt und gibt sich angesichts des Kriegsgeschreis aus dem Norden gelassen. Doch die Unsicherheit bleibt - denn die eigentliche Gefahr ist nicht der militärische Großangriff, mit dem Kim Jong Un droht.

Die junge Frau hält sich vor Lachen die Hand vor den Mund. Das machen Koreaner, wenn ihnen etwas peinlich ist. Oder sie nicht recht wissen, was sie sagen sollen. Doch Won Ye Rim ist diese Sache jedenfalls alles andere als unangenehm. Die 23 Jahre alte Betriebswirtschaftsstudentin findet die Frage wirklich komisch: die Frage, ob ihr die wochenlangen Kriegsdrohungen aus dem Norden des geteilten Landes Angst machten.

Schließlich liegt ihre Heimatstadt Seoul, Südkoreas Zehn-Millionen-Metropole, in Reichweite der Artillerie Nordkoreas. Und der Vormann des Regimes in Pjöngjang, der neue oberste Führer Kim Jong Un, hat doch immer wieder gedroht, Seoul in ein Flammenmeer verwandeln zu lassen. Von den wüsten Ankündigungen seiner Propagandamaschine ganz zu schweigen, dass Nordkorea die Landsleute im Süden, Japan oder gar Amerika mit Atomwaffen angreifen könnte. Doch Won Ye Rim lacht weiter. Nein, sagt sie, bestimmt nicht. "Die haben doch gar nicht das Geld dafür. Die können keinen Krieg führen."

Tatsächlich hat die Südkoreaner das Kriegsgeschrei bemerkenswert kalt gelassen. Als hätten sie sich kollektiv entschlossen, die apokalyptischen Drohungen des wilden Manns von Pjöngjang, die den Rest der Welt noch vergangene Woche in Aufregung versetzt hatten, schlicht zu ignorieren. Es gab keine Hamsterkäufe wie vor zwei Jahrzehnten: Damals, im Jahr 1994, bildeten sich vor Supermärkten und Tankstellen lange Schlangen nach den ersten Atomdrohungen Nordkoreas. Nicht einmal der südkoreanische Aktienindex reagierte diesmal erkennbar auf die Verbaleskalation des Konflikts. Und wenn Südkoreaner im Alltag über Politik sprechen, dann reden sie eher über Stärken und Schwächen ihrer neuen Regierung als über die Einschüchterungsversuche aus dem Norden.

Exit strategy von Kim Jong Un

Und doch war es so, als ginge Anfang der Woche ein Seufzer der Erleichterung durchs Land, als der Montag vorüberging ohne einen für diesen Tag erwarteten neuen Raketentest des Nordens. Außenminister Yun Byung Se nennt den Tag eine "Wegscheide", an dem endlich die wahren Absichten des jungen Großen Führers in Pjöngjang klar geworden sein könnten. "Manche Leute reden von einer exit strategy", gibt er diplomatisch zu Protokoll.

Will sagen: Weil Kim Jong Un am vergangenen Montag, dem 101. Geburtstag seines Großvaters, kein neues Feuerwerk gezündet hat, dürfte nun zur Erleichterung der Regierung in Seoul klar sein, dass der Norden wie nach ähnlichen Eskalationsrunden in vergangenen Jahren die militärischen Drohgebärden nicht zu weit treiben wird, sondern verhandeln will. "Ich hoffe, dass die gegenwärtigen Spannungen nun abgebaut werden können", sagt Yun.

In Wahrheit sind die Sorgen der südkoreanischen Regierung doch wohl etwas größer als nach außen bekannt. Noch immer. "Das Ganze ist uns ziemlich abträglich", gesteht ein Beamter des Außenministeriums in Seoul ein. Wenn der Eindruck bleibe, dass es immer so weiter gehe mit den Drohungen, werde das gefährlich. Denn die neue Präsidentin Park Geun Hye, die erst im Februar ihr Amt angetreten hat, ist entschlossen sich keine Blöße zu geben. "Wir werden uns auf keinen Handel um des Handels willen einlassen", sagt der Diplomat, "wir werden nicht Appeasement machen, nur um wieder ins Gespräch zu kommen mit dem Norden. Sie müssen erst mit ihren Provokationen aufhören."

Tatsächlich hatte die südkoreanische Führung den Befehl ans eigene Militär ausgegeben, bei Übergriffen der nordkoreanischen Armee mit gleicher Münze zurückzuzahlen. 2010 hatte Südkoreas Armee kopflos auf den Artillerieüberfall des Nordens auf eine südkoreanische Insel reagiert und dem gut zweistündigen Beschuss ohne Gegenwehr zugeschaut. Das soll sich nicht wiederholen. Sicherlich nicht ohne die stille Billigung der neuen Regierung in Seoul hatten die Amerikaner in den vergangenen Wochen ziemlich unmissverständliche Botschaften Richtung Norden zurückgesandt: Zu den jährlich angesetzten gemeinsamen Manövern mit den südkoreanischen Streitkräften flogen sie diesmal demonstrativ die B-52-Langstreckenbomber und Tarnkappenbomber ein - Flugzeuge, die auch mit Atomwaffen ausgerüstet werden können.

Gleichzeitig aber hat Präsidentin Park bekräftigt, dass sie zu Gesprächen mit dem jungen Erben der Familiendiktatur im Norden bereit ist. Die Südkoreaner geben ihr für das bisherige Krisenmanagement gute Noten: Mehr als 60 Prozent sind damit laut einer Umfrage der Zeitung Joong Ang Ilbo, eines der führenden Blätter des Landes, zufrieden. Zumindest an der Oberfläche also hat sich Südkorea nicht ins Bockshorn jagen lassen.

Doch die Dauertiraden aus dem Norden zeigen untergründig schon Wirkung. Der Gouverneur der Provinz Gyeonggi-do, Kim Moon Soo, etwa gesteht das offen ein: "Wir können da empfindlich getroffen werden." Zwar seien die Auswirkungen noch gering. Sie seien aber bereits spürbar: Die Touristenzahlen gingen eindeutig zurück, und mit neuen Investitionen hielten sich die Unternehmen in jüngster Zeit auffällig zurück. In der Provinz Gyeonggi-do rund um Seoul schlägt das wirtschaftliche Herz Südkoreas.

Angst vor Terrorattacken des Nordens

Und die Unsicherheit bleibt. Auch in der Vergangenheit hatten die Nordkoreaner nach einer Phase der Beruhigung doch noch zugeschlagen. 2010 war das so, als beim Untergang des südkoreanischen Kriegsschiffs Cheonan Dutzende Marinesoldaten umkamen. Die Ursache wurde offiziell nie geklärt, doch dürfte ein nordkoreanischer Torpedo das Boot getroffen haben. Auch jetzt fürchten die Behörden nicht so sehr, dass der Norden wie angedroht, den Süden groß angelegt militärisch angreifen könnte. Vielmehr plagt sie der Gedanke, dass Kim Jong Un das Land mit gezielten Terrorattacken in Furcht und Schrecken versetzen lassen könnte.

Dies dürfte die eigentliche Bedrohung sein, die Südkoreas Regierung fürchtet. Das machten die südkoreanischen Fernsehnachrichten am Mittwoch mehr als deutlich: Ausführlich zeigten sie Bilder von einer Anti-Terrorübung im Herzen der Millionenstadt Daejeon: Maskierte Elitesoldaten probten zur besten Bürozeit die Bekämpfung des Überfalls einer Terrorgruppe. Deren Herkunft musste gar nicht näher identifiziert werden. Und wie zur Erinnerung, dass die Krise mit dem Norden längst nicht ausgestanden ist, waren gleich danach Aufnahmen von der Grenze mit Nordkorea zu sehen: Dort kehrten mit wirklich allem, was sie in ihr Auto laden konnten (tatsächlich hatten manche sogar Säcke auf die Motorhaube und an die Beifahrertüren geklebt), südkoreanische Manager aus der Sonderwirtschaftszone Kaesong in Nordkorea zurück.

120 südkoreanische Firmen lassen dort billig produzieren. Pjöngjang hat sie vor zwei Wochen lahmgelegt: Die mehr als 53 000 nordkoreanischen Beschäftigten erschienen von einem Tag zum anderen nicht mehr zur Arbeit, natürlich auf Anordnung der Führung in Pjöngjang. Immerhin durften die südkoreanischen Manager Kaesong nun verlassen - mit Sack und Pack.

© SZ vom 20.04.2013/sebi

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