Südkorea Fest der Wütenden

Park Geun-hye und die Konzerne in Fesseln: Etwa 1,7 Millionen waren am Samstag allein in Seoul gegen korrupte Politik auf die Straße gegangen, unter anderem mit dieser Park-Pappfigur.

(Foto: Jung Yeon-Je/AFP)

Südkoreas Präsidentin Park ist politisch erledigt, doch ihre Partei spielt auf Zeit. Millionen Bürger demonstrieren und hinterfragen erstmals die Rolle der Großkonzerne.

Von Christoph Neidhart, Seoul

Kinder treten gegen einen Ball, auf ihm prangt das Gesicht von Park Geun-hye. Einige Schritte weiter steht Südkoreas Präsidentin überlebensgroß als Puppe, das Seil, das sie fesselt, umwickelt auch die Logos koreanischer Konzerne. Daneben trägt die Präsidentin als Pappfigur bereits Häftlingsklamotten. 1,7 Millionen Koreaner, mehr denn je, haben am Samstagabend auf dem Gwanghwamun-Platz in Seoul erneut für ihren sofortigen Rücktritt demonstriert. Im übrigen Südkorea waren noch einmal 600 000 Menschen auf die Straße gegangen, auch viele Familien mit Kindern. Ein Fackelzug pilgerte zum "Blauen Haus", Parks Amtssitz, um der verhassten Präsidentin den Abgang zu leuchten.

Die Fernsehsender berichteten stundenlang live, ihre Übertragungswagen sind derzeit ständig auf dem Gwanghwamun geparkt. Die oft aggressive Polizei riegelte das Blaue Haus mit einer Wagenburg ab, ansonsten hielten sich die 25 000 Polizisten aber zurück. Die Wut der Koreaner ist beißendem Hohn gewichen, das Volk hat gewonnen. Noch ist nicht klar, wie es seine verhasste Präsidentin loswerden und streng bestrafen wird, wie die Massen fordern. Was folgen soll, ist ebenfalls unklar, aber politisch ist Park erledigt. Das Volk feiert sich selbst und spürt seine Macht.

Sie gilt nur als Marionette, an der viele ziehen

Kommenden Freitag soll das Parlament ein Amtsenthebungsverfahren einleiten, das gibt Park Zeit, bis Mittwoch freiwillig zurückzutreten. Ihre Hintermänner seien dagegen, sagen die Leute auf dem Gwanghwamun, und zu selbständigen Entscheidungen sei die Tochter des einstigen Diktators Park Chung-hee nicht fähig. In vier Jahren im Blauen Haus habe sie keine einzige Reporterfrage spontan beantwortet, so eine Journalistin. Sie sei bloß eine Marionette ihrer Freundin Choi Soon-sil, der Schamanenpredigerin im Zentrum des Skandals. Aber nicht nur von ihr - auch die alten Seilschaften ihres Vaters seien weiter im Blauen Haus aktiv.

Für die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens braucht die Opposition 28 Stimmen von Parks Saenuri-Partei. Vorige Woche waren etwa 40 Saenuri-Abgeordnete bereit, gegen Park zu stimmen - bis die Präsidentin eine theoretische Bereitschaft zum Rücktritt andeutete. Damit spaltete sie ihre parteiinternen Gegner, die sich schon für die Zeit danach positionieren. Zudem könnte eine Amtsenthebung acht Monate dauern, da das Verfassungsgericht einbezogen wird. So lange bliebe Südkorea politisch gelähmt. Nach einem Rücktritt müsste hingegen binnen 60 Tagen ein Nachfolger gewählt werden.

Saenuri versucht, den unvermeidlichen Abgang Parks hinauszuschieben. Die Partei hofft, den abtretenden UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zur Kandidatur zu bewegen, allenfalls als Unabhängiger, er begann seine Diplomatenkarriere unter Parks Vater. Das ist Saenuris einzige Chance, einen Liberalen im Blauen Haus zu verhindern. Falls die vom Parlament eingesetzte Untersuchungskommission in den 120 Tagen, die ihr zur Verfügung stehen, keine Belege für Straftaten findet, könnte Park sogar den Skandal formell unbeschadet überstehen, so spekuliert Saenuri. Und im Frühjahr in Ehren abtreten.

Die Protestredner auf dem Gwanghwamun wollen das aber nicht zulassen. Sie greifen inzwischen nicht mehr nur Park an, sondern auch die Chaebols, Südkoreas große Familienkonzerne, die in der von Parks Vater etablierten Militärdiktatur Südkoreas Wirtschaftswachstum antrieben. Bisher gelten die Chaebols als "Opfer" von Choi-gate, wie die Koreaner den Skandal nennen. Choi presste ihnen 60 Millionen Euro ab, angeblich mit Hilfe der Präsidentin. Doch auf dem Gwanghwamun glauben viele, die Konzerne zahlten freiwillig - für Gegenleistungen. "Samsung & Co. steckten mit Parks Vater unter einer Decke, jetzt eben mit seiner Tochter. Es bleibt in der Familie", spottet ein Professor, der seinen Namen nicht nennen will. "In Korea gibt es viele Samsung-Stipendiaten, offizielle und noch viel mehr inoffizielle, auch unter den Beamten und Staatsanwälten." Eine dieser Stipendiaten ist auch Chios Tochter: Der Konzern zahlte ihr 2,8 Millionen Euro für Reitstunden und ein Pferd.

Park hat den Stolz der Koreaner verletzt und damit enorme politische Energien freigesetzt. Die Demos auf dem Gwanghwamun werden von etwa 1500 Organisationen getragen: Parteien, Gewerkschaften, Studenten- und Schülergruppen. "Das geht nicht mehr weg, das wird jede Woche größer", so der Professor, dessen Generation in den 1980er-Jahren in Straßenkämpfen die Demokratie erkämpfte. Nun verteidigt er seine alten Ideale und freut sich über die Protestsängerin von damals, die erstmals wieder öffentlich auftritt. Die Studenten fürchten die Jugendarbeitslosigkeit und demonstrieren für ein gerechteres Korea. Für die Kinder jedoch, die aufbleiben und Kerzen halten dürfen, ist die Demo ein Fest.