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Südkorea:Angriff auf die Politikmaschine

Ahn Cheol-soo, the minor opposition People's Party co-chairman, celebrates his victory in the parliamentary election at his office in Seoul

Mit seiner Volkspartei hat der Mediziner und Internetunternehmer Ahn Cheol Soo viele Südkoreaner überzeugt, sich bei der Parlamentswahl von den beiden Großparteien abzuwenden.

(Foto: Reuters)

Der ungewöhnliche Quereinsteiger Ahn Cheol Soo und sein Erfolg bei den Parlamentswahlen erschüttert die großen Parteien.

Ahn Cheol Soo verspricht den Koreanern eine "neue Politik", vor allem den kleinen Leuten, die ihre Gürtel immer enger schnallen müssen. Und den zwölf Prozent Arbeitslosen unter den Jungen. Yeoido, das Regierungsviertel in Seoul, sei nur mit sich selbst beschäftigt, sagt er. Die zwei großen Parteien seien symbiotisch ineinander verkeilt, den Politikern gehe es nur um Macht. Sie hätten keine Ahnung vom Alltag der Menschen. Deshalb brauche Korea eine neue Partei, seine "Volkspartei". Mit der hat er nun bei der Parlamentswahl in Südkorea alle aufgemischt: Nach 20 Jahren ist wieder eine dritte Partei in Fraktionsstärke in der Nationalversammlung, und die bisherige Regierungspartei Saenuri hat die Mehrheit verloren.

Wie viele politische Quereinsteiger gewinnt der frühere Marinearzt, Professor, Bestseller-Autor und Internet-Unternehmer die Wähler mit Fundamental-Kritik am politischen System, das nicht mehr funktioniere. Aber im Gegensatz zu anderen Populisten tut er das nicht laut, vulgär und von rechtsaußen, sondern leise, bescheiden und überlegt. Am liebsten hört er zu, oft mit einem stillen Lächeln. Eigentlich sei der klein gewachsene, für einen Koreaner früh ergraute 54-Jährige ziemlich scheu, sagen Leute, die ihn kennen.

Als Unternehmer und Professor hat Ahn klare Vorstellungen, wie Start-ups besser gefördert werden können und wie das Schulsystem umgekrempelt werden müsste, das "nicht mehr zeitgemäß ist. Wir bilde Leute für Jobs aus, die es nicht mehr gibt, wenn sie den Abschluss machen. Aber wir legen keinen Wert auf Kreativität und das Finden von Lösungen", sagt er. In anderen Fragen ist seine "neue Politik" wenig konkret. Neu ist, dass er die verfilzte, korrupte Politmaschine knacken will.

Ahn gilt als Macher, enorm konzentrationsfähig und blendender Manager. Ein "Nerd", sagt eine Anhängerin und lacht, aber einer, der vor Selbstvertrauen strotze. Als Grundschüler habe er alle Bücher seiner Schulbibliothek gelesen. An der Uni rissen sich die Studenten darum, bei ihm promovieren zu können. Jetzt werde er angetrieben vom Wunsch, Südkorea politisch wiederzubeleben.

Dabei ist Ahn nicht auf einem Ego-Trip, im Gegenteil. Vor vier Jahren, als er mit der Politik zu flirten begann, probierte er eine Kandidatur für das Bürgermeisteramt von Seoul, ein bewährtes Sprungbrett ins Blaue Haus, den Präsidentensitz. Viele Junge waren begeistert. Gleichwohl zog Ahn sich schließlich zugunsten des linksliberalen Kandidaten zurück, er wollte das linke Lager nicht spalten. Das Muster wiederholte sich vor den Präsidentschaftswahlen vor drei Jahren, als er, inzwischen Mitglied der großen Oppositionspartei, dem Karrierepolitiker Moon Jae In Platz machte, obwohl er bessere Umfragewerte hatte.

Das wird sich nicht mehr wiederholen. Im Februar trat Ahn aus der Minjoo-Partei aus und gründete zwei Tage später seine Volkspartei. Der Name beziehe sich auf Abraham Lincolns Gettysburg-Rede, sagt er - "eine Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk".

Von den sieben Männern, die als Anwärter auf die Präsidentschaft gehandelt werden, hat Ahn bei den Parlamentswahlen am Mittwoch als einziger keinen Rückschlag einstecken müssen. Seine Volkspartei gewann auf Anhieb 38 Sitze. Saenuri, die konservative Partei von Präsidentin Park Geun Hye, die ihre Wurzeln in der südkoreanischen Militärdiktatur hat, überlegt nun, wie sie UN-Generalsekretär Ban Ki Moon als Kandidaten für die Wahlen im Dezember 2017 gewinnen könnte. Seine Amtszeit in New York läuft dieses Jahr ab. In Saenuris Reihen bietet sich derzeit keiner an, dem man zutrauen würde, Ahn zu schlagen.