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Zukunft der SZ:Die Welt braucht Worte

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Illustration: Dirk Schmidt

Journalisten müssen heute Algorithmen und Metriken in ihre Arbeit integrieren. Zahlen ersetzen aber nicht die guten Geschichten.

Von SZ-Chefredakteurin Judith Wittwer

Heute vor 75 Jahren erschien die Süddeutsche Zeitung zum ersten Mal. Die Amerikaner hatten Ende April 1945 München befreit. Die Stadt lag, von mehr als 3,5 Millionen Bomben zerstört, in Trümmern. Im Geleitwort der ersten Ausgabe verpflichteten sich die drei Herausgeber des liberalen Blattes zur Wahrhaftigkeit und betonten ihr Verantwortungsbewusstsein. Für die ersten Druckplatten wurde symbolträchtig ein Teil des Bleisatzes von Hitlers Buch "Mein Kampf" eingeschmolzen. Nach der braunen Schreckensherrschaft begann eine Zeit des Aufbruchs.

Die Menschen reagieren in Perioden des radikalen Wandels verunsichert. Das Bedürfnis nach verlässlichen Informationen und Hintergründen wächst. Medien wie die Süddeutsche Zeitung befriedigen beide Verlangen. Zur Aktualität gesellt sich die Exklusivität, zur Reportage die Recherche. Unabhängige Zeitungen helfen, die Welt zu verstehen - und sie eröffnen ihren Lesern neue Welten. Gestern und heute.

Auch 75 Jahre nach dem ersten Erscheinen der Süddeutschen Zeitung ist die Welt wieder im Umbruch. In den USA wütet ein Präsident, der durch die Infektion mit Corona zwar aktuell geschwächt wirkt, dessen Lust an der Provokation und Polarisierung der Gesellschaft jedoch größer ist als der Respekt vor demokratischen Grundprinzipien. Egal, wie die Schicksalswahl am 3. November ausgehen wird: Lügen, Lärm und Gewalt treiben den Zerfall von Werten und Rechtsstaat voran. So schnell wird das Land, das über schwarz und weiß streitet und inzwischen über 200 000 Corona-Tote zählt, nicht zur Ruhe kommen.

Die liberale Demokratie gerät auch in Europa unter Druck. Unabhängige Gerichte, politischer Pluralismus und freie Medien sind vor allem im Osten keine Selbstverständlichkeit mehr. Die EU scheitert an nationalen Egoismen und versagt so im Kampf gegen das Coronavirus und den Klimawandel genauso wie in der Migrationspolitik. Beim Brexit zeigt der britische Premier demonstrativ und dumpf, wie wenig ihm internationales Recht wert ist.

Diese Welt in Wörter, Bilder und Töne zu fassen, ist Aufgabe des Journalismus. Damals wie jetzt. Der Erosion der Werte muss mit einem wachen und kritischen Blick begegnet werden. Gestern wie heute geht es um Aufklärung, Freiheit und Demokratie. Journalismus heißt (ein freundlicher Gruß nach Hamburg), zu schreiben, was ist.

Die Krise der liberalen Demokratie ist aber auch eine Krise der traditionellen Medien. Sie kämpfen mit einer neuen Gegenöffentlichkeit, die Zweifel hegt, ob die Journalisten die Dinge wirklich so wiedergeben, wie die Menschen sie wahrnehmen. Das sind nicht alles Verschwörungstheoretiker, die glauben, dass die Medien von irgendwelchen Mächten indoktriniert werden; nicht jeder brüllt "Lügenpresse" und behauptet, dass Microsoft-Gründer Bill Gates das Coronavirus erfunden hat. Mit der Digitalisierung und dem Aufstieg von sozialen Netzwerken kann aber jeder Bürger sein Unbehagen selbst artikulieren und via Facebook-Post oder Tweet verbreiten. Er wird vom bloßen Empfänger zum Sender. Überraschendes kommt dabei selten heraus. Die sozialen Medien fördern eher das Banale, Gleichförmige. Allerdings haben sich mit den sozialen Medien auch Ton und Stil verändert, wie wir miteinander diskutieren. Die Welt ist laut, forsch und frech geworden.

"In der Welt der klassischen Leitmedien und der mächtigen Gatekeeper entschieden die Journalisten darüber, was als interessant und relevant gelten konnte", sagt der Tübinger Medienprofessor Bernhard Pörksen: "Es war ohne allzu großen Aufwand möglich, die Grenzen des Sagbaren zu bestimmen. Diese Zeiten sind vorbei."

Vorbei sind auch die Zeiten, in denen man glaubte, dass Internet und soziale Medien eine weltweite Welle der Demokratisierung lostreten würden. Die Hoffnungen des Arabischen Frühlings haben sich zerschlagen. Chinas Machthaber wiederum verwenden die modernen Technologien zur Überwachung der eigenen Landsleute. Nicht erwünschte Webseiten oder Online-Plattformen sind gesperrt. So können sich Meinungs- und Medienfreiheit nicht entfalten. Der Traum vom herrschaftsfreien Diskurs im Internet bleibt ein Traum.

Der Beitrag sozialer Netzwerke zum Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft ist beschränkt

Anders als die ersten Chefs der Süddeutschen Zeitung, die sich im Geleit zu ihrer Verantwortung als Kontrolleure der drei Gewalten Exekutive, Legislative und Judikative bekannten, haben sich Facebook, Twitter & Co. aber auch dort, wo ihre Inhalte nicht zensiert oder blockiert werden, nie um einen verantwortungsbewussten Dialog im Netz geschert. Zwar wollten sie immer Quelle vertrauenswürdiger Nachrichten sein. In ihrem Profitstreben ließen sie auf ihren Seiten jedoch fast jeden Mist stehen und versteckten sich hinter einer wie auch immer gearteten "Meinungsäußerungsfreiheit". Damit sind ihre Grenzen offenkundig geworden. Ihr Beitrag zum Funktionieren einer vielschichtigen, demokratischen Gesellschaft ist beschränkt.

In der Corona-Krise zeigt sich, wie wichtig unabhängiger und sorgfältig recherchierter Journalismus ist. Die Pandemie hat zwar den ohnehin stark rückläufigen Werbemarkt einbrechen lassen. Eine rasche Erholung ist nicht in Sicht. Die fehlenden Erträge setzen den Medienhäusern zu; auch bei der Süddeutschen Zeitung werden Etats gekürzt und Stellen abgebaut. Kaum je waren seriöse Medien aber so gefragt wie jetzt. Das gefährliche Virus weckt bei den Menschen ein gewaltiges Verlangen nach gutem Journalismus.

Ein SZ-Abonnement ist ein Beziehungsangebot. Im Idealfall wird das Lesen beim Käufer zur Gewohnheit, die Süddeutsche Zeitung zu einem Begleiter, dem man auch in schwierigen Zeiten vertraut. Die SZ konnte in den Monaten der Corona-Pandemie ihre Abonnenten nicht nur halten. Sie hat auch viele neue, vor allem digitale Nutzer hinzugewonnen. Dieses Vertrauen der Leserinnen und Leser wird in Zukunft noch wichtiger werden, in journalistischer und ökonomischer Hinsicht. Der technologische Wandel fordert die Zeitungen nämlich gleich doppelt heraus: Das Geschäftsmodell, wonach der gewichtigste Teil der Einnahmen nicht von den Abonnenten, sondern aus dem Verkauf von Anzeigen stammt, funktioniert nicht mehr. Zugleich müssen die Medien ihr publizistisches Angebot nach den Bedürfnissen einer zunehmend auf Smartphones fokussierten Leserschaft ausrichten.

Dem Journalismus bietet die Digitalisierung aber vor allem Chancen. So wissen die Verlagshäuser heute etwa viel genauer, was ihre Leserinnen und Leser interessiert, wie lange sie dranbleiben und für welche Beiträge sie bereit sind, Geld auszugeben. Dieses Wissen macht den Journalismus nicht zwingend besser. Es wäre auch verfehlt, die Berichterstattung allein nach Klickzahlen und Käufen auszurichten. Zeitungsmachen war aber lange ein großes Behaupten. Die Journalisten entschieden paternalistisch, was ihnen für ihre Leserschaft als wichtig und gut erschien. Metriken drehen diese Optik und schärfen den Blick, dass die Nutzer nicht einfach Empfänger von Nachrichten, sondern auch Sender von Botschaften sind. Digitalisierung ermöglicht Dialogisierung.

Suchprogramme durchforsten systematisch gewaltige Datensätze

Mithilfe von Technologien und Tools wird jedoch auch der Journalismus besser. Daten und Zahlen ersetzen natürlich nicht auf überprüfbare Fakten gestützte Geschichten. Ohne Algorithmen hätte die SZ aber etwa die preisgekrönten Investigativ-Projekte "Panama Papers" und "Paradise Papers" nicht zu enthüllen vermocht. Nimmermüde Suchprogramme durchforsteten systematisch gewaltige Datensätze. Die Rechner trugen schier unfassbare Mengen an binären Informationen ab. Durch den Datenjournalismus ist die investigative Recherche bei der SZ in neue Sphären vorgestoßen, worauf wir stolz sind.

Daten machen den Journalismus auch exakter und nützlicher. Interaktive Grafiken zu neuen Corona-Infektionen zum Beispiel helfen, die Gesundheitsrisiken abzuschätzen und die von der Politik in den einzelnen Bundesländern oder Städten getroffenen Maßnahmen nachzuvollziehen. Die Visualisierungen stoßen bei den Leserinnen und Lesern auf großen Anklang. Die so aufbereiteten Geschichten gehören bei der Süddeutschen Zeitung regelmäßig zu den meistgelesenen Artikeln. Mit der Digitalisierung wird das Zusammenspiel von Text, Bild, Grafik, Podcast oder Video zu einem Teil des Erzählens, das journalistische Arbeiten zu einer Gemeinschaftsleistung der unterschiedlichen redaktionellen Gewerke.

Die Zeitung bleibt wichtig. Sie hält sich neben dem hoch getakteten digitalen Programm, weil Beschleunigung die Entschleunigung als Gegenstück hat, das Tempo die Muße, das Video das ruhende Bild. Das Scrollen auf kleinen Bildschirmen ersetzt nicht das Blättern in einer Zeitung. Die Seite-Drei-Reportage oder das Buch Zwei lesen viele noch immer mit Vorliebe auf Papier. Als Blattmacher weiß man, wie wichtig Rituale sind.

Guter Journalismus bleibt jedoch neugierig. Große Medienhäuser wie die Associated Press (AP) oder die New York Times experimentieren mit Robotern, die standardisierte Sport- und Finanzmeldungen verfassen. Auch die Süddeutsche Zeitung ist in ihrer 75-jährigen Geschichte immer wieder unerwartete Wege gegangen, hat neue Dinge ausprobiert, manches verworfen - und vieles zum Erfolg geführt. In ihrem Selbstverständnis ist sie sich aber immer treu geblieben: Ein guter Text ist ein guter Text. Er bleibt die treibende Kraft. Im Kern geht es darum, für diese verrückte Welt Worte zu finden, mit einer besonderen Liebe zur Sprache, in dem der SZ eigenen Stil. Dafür wird sie gelesen. Dafür stehen ihre Autorinnen und Autoren. Dafür wird sie gebraucht. Besonders in diesen Zeiten.

© SZ vom 06.10.2020

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