20 Jahre Wiedervereinigung Mit dem Aqua-Scooter in die Freiheit

Mit einem selbstgebastelten Unterwassermotor will der DDR-Bürger Bernd Böttger 1968 durch die Ostsee nach Dänemark fliehen. Fast wird er erwischt. Deutschland, zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, ist Thema der dritten SZ für Kinder.

Evelyn Roll

Es ist eine mondhelle und stürmische Nacht, 22.30 Uhr am 8. September 1968. Ein Mann im Taucheranzug steht am Strand von Graal-Müritz. Er zieht Flossen an, setzt Brille und Schnorchel auf, dann nimmt er ein zehn Kilo schweres Gerät unter den Arm, das aussieht wie ein Torpedo mit Motor. Der Mann watet in die kalte Ostsee. "Do gucke ma', da jeht bei dor Gälte noch enor schwimm'", ruft ein Mann vom Zeltplatz. Dem Mann im Taucheranzug bleibt fast das Herz stehen. Sie haben ihn entdeckt. Aber er kann nicht mehr zurück. Wenn sie ihn erwischen, kommt er wieder ins Gefängnis. Diesmal wird es lebenslänglich sein.

Beim ersten Versuch erwischen sie ihn

Die DDR ist ein seltsames Land. Für alles ist gesorgt. Aber der Staatssicherheitsdienst ("Stasi") kann alles und jeden rund um die Uhr beobachten und kontrollieren. Jeder Fluchtversuch ist lebensgefährlich. Bernd Böttger hat in seiner Werkstatt in Sebnitz bei Dresden einen Reparaturbetrieb für Autos. Nachts aber beschäftigt ihn die Frage, wie er aus der DDR fliehen kann.

Er macht eine Taucherausbildung, absolviert die Prüfung zum Rettungsschwimmer und trainiert hart. Eines Tages würde er über die Ostsee abhauen. Ein Unterwassermotor würde ihn in die Freiheit ziehen. Ein Zweitaktmotor, der einst ein Fahrrad angetrieben hat. Auf die Kurbelwelle dieses Motors setzt Bernd Böttger eine Schiffsschraube. Dann dichtet er den Motor mit Glasfasermatte und Polyesterharz ab. Als Benzintank baut er sich einen 40 Zentimeter langen, zigarrenförmigen Fiberglasbehälter. An das Gehäuse montiert er einen Bügel zum Festhalten.

Beim ersten Versuch erwischen sie ihn. Das ist im Herbst 1967 am Strand von Wismar. Weil er behauptet, er habe seine Erfindung nur ausprobieren, aber doch nicht fliehen wollen, stecken sie ihn für drei Monate ins Stasi-Gefängnis. Und er denkt: Jetzt erst recht. Als Bernd Böttger entlassen wird, baut er einen noch besseren Schwimm-Scooter. Und als er am 8. September 1968 die Stimme vom Zeltplatz hört, weiß er: "Es gibt kein Zurück mehr. Ich muss das 24 Seemeilen entfernte Gedser in Dänemark erreichen."

Er wirft sich mit dem Gerät ins kalte Meer und lässt sich ziehen, gerade so tief unter Wasser, dass er mit dem Schnorchel Luft holen kann. Gegen Mitternacht hört er Motorengeräusche. Er bekommt Todesangst. Er macht in die Hose. Er kann nicht mehr atmen. Er muss auftauchen. Dann sieht er die Umrisse eines Küstenwachbootes. "Gleich werden sie schießen", denkt er. Er schaltet den Motor aus. Doch der Schatten entfernt sich wieder. Bernd Böttger wirft den Motor wieder an.

Eiskalte Killer

Um 4 Uhr sieht er Lichter am Horizont. Vor ihm taucht ein dänisches Schiff auf. Er ruft: "Hallo", er schreit, er brüllt. Sie holen ihn an Bord. Bernd Böttger ist frei. Die ganze Welt interessiert sich für ihn und das Fluchtgerät. Bernd Böttger produziert seinen Scooter nun in Serie. Heute gehört er zur Standardausrüstung von Rettungs- und Kampfschwimmern, sogar in einem James-Bond-Film spielt er eine Rolle.

Das Leben aber ist kein Film. Nicht immer gibt es ein Happy End. 1972 reist ein glücklicher Bernd Böttger nach Spanien. Er will dort eine Weiterentwicklung des Scooters testen. Er bekommt Besuch von neuen Freunden. Mit einem von ihnen geht er auf Tauchgang. Kurz darauf treibt Bernd Böttgers Körper tot im Wasser. Seine Familie glaubt nicht an einen Unfall. Sie ist überzeugt, dass der neue "Freund" ein Auftragskiller der Stasi war. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt.

Deutschland, zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, ist Thema der dritten Süddeutschen Zeitung für Kinder, die am Mittwoch, 6. Oktober, erscheint und sich wieder an Acht- bis Zwölfjährige wendet. SZ-Autoren beleuchten die deutsche Gegenwart und Vergangenheit. Die 24-seitige Beilage zur Süddeutschen Zeitung enthält informative und unterhaltsame Beiträge aus den Bereichen Politik, Kultur, Wissen, Wirtschaft und Sport:

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