Südafrika:Viele Kühe machen Mühe

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Südafrika: Einst Gewerkschaftsführer, heute Rinderzüchter und Präsident Südafrikas: Cyril Ramaphosa weicht Fragen nach seinen Geschäften bisher aus.

Einst Gewerkschaftsführer, heute Rinderzüchter und Präsident Südafrikas: Cyril Ramaphosa weicht Fragen nach seinen Geschäften bisher aus.

(Foto: Rodger Bosch/AFP)

Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa wird vorgeworfen, einen Millionendiebstahl auf seiner Farm vertuscht zu haben. Das wird es nicht einfacher machen, ihn auf dem G-7-Gipfel von einer anderen Russland-Politik zu überzeugen.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Taitu schaut etwas grimmig, so, als hätte sie keine große Lust, in der nächste Zeit ihre schöne grüne Wiese im Norden Südafrikas zu verlassen und den Besitzer zu wechseln. So wird es aber wohl kommen am Samstag, bei der großen Rinderauktion, deren Katalog Taitu als Posten Nummer 19 listet, inklusive eines Stammbaums und Fotos ihres Vaters: Mr. President. Die Genealogie ist nicht ohne Ironie, da die Nachkommen von Mr. President an diesem Samstag auf der riesigen Farm des tatsächlichen Präsidenten von Südafrika versteigert werden, auf der Ranch Phala-Phala von Cyril Ramaphosa.

Der ist nun seit vier Jahren im Amt, angetreten war er mal als Reformer, der ankündigte, die Korruption im regierenden African National Congress (ANC) bekämpfen und die zerbröselnde Infrastruktur des Landes wieder auf Vordermann bringen zu wollen. Viel passiert ist seitdem nicht, die Justiz ermittelt in Zeitlupe, und Ramaphosa ist mehr damit beschäftigt, seine Position im ANC gegen die korrupten Widersacher zu verteidigen, als das Land zu regieren. Einer seiner größten Erfolge war es, im ANC die Regelung durchgesetzt zu haben, dass alle Mitglieder ihre Ämter und Posten zumindest ruhen lassen müssen, sobald gegen sie ermittelt wird.

Ramaphosa könnte nun selbst das prominenteste Opfer seines Erfolges werden. Das hat mit seiner Vorliebe für das Züchten seltener Rinder zu tun. Vor vielen Jahrzehnten hat er sich bei einer Reise nach Uganda in die Rasse der Ankole verguckt, dem Watussirind, das aus Ruanda und dem benachbarten Uganda stammt, eine Art, die alle möglichen Farben haben kann, schwarz, braun oder gefleckt, die man aber an den riesigen Hörnern erkennt. Der Preis für die seltenen Tiere kann in die Millionen Euro gehen, und Ramaphosa und seine Angestellten gehören offenbar zu den besten Züchtern des Landes.

Vier Millionen Dollar unter dem Sofa seiner Couch

Womöglich ist er als Züchter sogar erfolgreicher als als Präsident: Vier Millionen Dollar soll er Anfang 2020 mit dem Verkauf von Tieren eingenommen haben, Geld, das er dann angeblich unter dem Sofa seiner Ranch verstaut hat, von wo es gestohlen wurde. Der Fall wurde erst vor wenigen Tagen vom ehemaligen Geheimdienstchef des Landes publik gemacht, der selbst unter Korruptionsverdacht steht.

Südafrika stellt sich nun Fragen. Das fängt damit an, warum ein Präsident in einem armen Land ausgerechnet exotische Rinder züchten muss, wo es doch viel drängendere Probleme gibt, und reicht bis hin zu den juristisch heiklen Punkten, ob Ramaphosa das Geld versteuert hat, und warum der Fall nicht offiziell der Polizei gemeldet wurde. Der Präsident beauftragte stattdessen den Chef seines Sicherheitsdienstes mit einer Ermittlung, die offenbar auch alle Tatverdächtigen aufspürte, die Teile der Beute schon in schnelle Autos und Häuser angelegt haben sollen. Nur: Warum sind sie bis heute auf freien Fuß? Der ehemalige Geheimdienstchef wirft Ramaphosa vor, ihnen Schweigegeld gezahlt zu haben.

Das muss nicht wahr sein, aber zum Verhängnis könnte Ramaphosa werden, dass Devisengeschäfte in Südafrika nur mit einer offiziellen Genehmigung durchgeführt werden können, anderenfalls droht ein Strafverfahren. Ramaphosa müsste sein Amt zumindest ruhen lassen, seine Wiederwahl im kommenden Jahr geriete in große Gefahr.

Die Regierung liebäugelt mit Putins Rohstoffen

Zum G-7-Gipfel in Deutschland kommt also ein zumindest angeschlagener Präsident, was die Bemühungen nicht eben erleichtern dürfte, das wohl wichtigste Land in Subsahara-Afrika ins Lager der Russlandgegner zu holen. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte das Ende Mai bereits bei seinem Besuch in Pretoria versucht, schon damals hatte Ramaphosa wenig Bereitschaft gezeigt, seine Position zu ändern. "Selbst jene Länder, die Zuschauer oder gar nicht Teil des Konflikts sind, werden unter den Sanktionen leiden, die gegen Russland verhängt wurden", sagte er.

Ihm sitzen die Populisten der eigenen Partei und der Opposition im Nacken, die Benzinpreise im Land sind gerade dramatisch gestiegen. Vor der Küste wurde bereits ein Tanker mit russischem Öl gesichtet, den zunächst keiner bestellt haben wollte. Mittlerweile wird aber ganz offiziell mit Rohstoffen von Putin geliebäugelt. Mit horrenden Benzinpreisen sind keine Wahlen zu gewinnen.

Die Haltung zu Russland hat zudem historische Gründe. Die Sowjetunion unterstützte den Kampf gegen die Apartheid, viele ANC-Kader studierten in der UdSSR. Die Solidarität von damals bestimmt bis heute die Politik. Dass die Ukraine damals auch Teil der Sowjetunion war und viele afrikanische Studenten aufnahm, wird gerne vergessen.

Julius Malema, der Chef der Oppositionspartei Economic Freedom Fighters, der gerne Gucci trägt und von Antiimperialismus redet, sagte bei einer Demonstration im März: "Wir sind hier, um der Nato zu sagen, um Amerika zu sagen, dass wir nicht auf eurer Seite sind, sondern auf der Seite Russlands, und heute wollen wir Russland dafür danken, dass ihr da wart, als es nicht in Mode war, da zu sein, und zweifelt nicht an unserer Unterstützung Russlands. Erteilen Sie ihnen eine Lektion, wir brauchen eine neue Weltordnung, wir sind es leid, uns von Amerika diktieren zu lassen."

Der Multimillionär gilt als etwas abgehoben

In Südafrika ist das bei weitem keine Außenseitermeinung, das Land ist wie China, Russland, Brasilien und Indien Teil der Brics-Gruppe, einem Zusammenschluss von Ländern mit recht unterschiedlichen politischen Systemen, die aber eint, ein Gegengewicht zur US-dominierten Weltordnung schaffen zu wollen. Die Brics-Staaten verzichten bisher weitgehend auf eine Verurteilung Russlands, daran will auch Ramaphosa nichts ändern.

Entscheidend für ihn sind die Konflikte zu Hause, bisher hat er nur wenig dazu erklärt, wie vier Millionen Dollar unter seinem Sofa gelandet sein könnten. Selbst wenn gegen ihn nicht ermittelt werden sollte, ist der Schaden immens. Ramaphosa gilt schon länger als etwas abgehoben, als Multimillionär, der manchmal den Bezug zur Realität in Land verloren haben zu scheint, in dem die Jugendarbeitslosigkeit auf die sechzig Prozent zuläuft.

Als er vor fast zehn Jahren einmal mehr als eine Millionen Euro für einen Zuchtbullen bot, ermahnten ihn die ANC-Genossen zu etwas mehr Bescheidenheit. In einem Interview sagte er damals: "In einem Meer von Armut war das ein Fehler." Aber die Millionen flossen offenbar weiter, was Ramaphosa nun zum Verhängnis werden könnte.

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