Südafrika:Armee geht gegen gewaltsame Proteste und Plünderungen vor

Hunderte Demonstranten wurden verhaftet, wie hier am Sonntag in Johannesburg. Es gab Verletzte und auch Tote.

Hunderte Demonstranten wurden verhaftet, wie hier am Sonntag in Johannesburg. Es gab Verletzte und auch Tote.

(Foto: Sumaya Hisham/Reuters)

In Südafrika protestieren Tausende Anhänger von Ex-Präsident Jacob Zuma gegen seine Inhaftierung. Nun sollen Soldaten für Ruhe sorgen.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

"Es fühlte sich an wie Krieg", sagte Suhayl Essa, einer von zwei Ärzten der Hillbrow-Klinik im Zentrum Johannesburgs. Das Krankenhaus war am Sonntagmittag schon voller Patienten, viele von ihnen mit Covid-19-Symptomen, als Dutzende Verletzte ins Krankenhaus stürmten. Eine Mutter mit ihrem sechs Monate alten Kind, das eine Gummikugel am Kopf getroffen hatte, viele Menschen mit Stichwunden. "Es war ein Albtraum, wir sind nicht mehr hinterhergekommen, so viele verletzte Patienten kamen", sagte Essa dem Nachrichtenportal News24.

Was der Arzt als Kriegszustand empfand, versucht die südafrikanische Regierung nun mit Hilfe der Armee unter Kontrolle zu bringen, die am Montag in verschiedene Regionen der Provinzen Gauteng und KwaZulu-Natal entsandt wurde, um die gewaltsamen Proteste und Plünderungen zu beenden, die Teile Südafrikas seit Samstag erschüttern. Sechs Menschen sind bei Ausschreitungen bisher ums Leben gekommen, Hunderte wurden verhaftet. In den Innenstädten von Johannesburg und Durban wurden Geschäfte geplündert und Gebäude angezündet, auf den Autobahnen setzten Anhänger von Ex-Präsident Jacob Zuma Lkws in Brand und nahmen die Polizei unter Beschuss.

Auslöser der Ausschreitungen war die Verurteilung des früheren Präsidenten zu einer Gefängnisstrafe von 15 Monaten, die Zuma am Mittwoch angetreten hatte. Das höchste Gericht des Landes hatte Zuma verurteilt, weil er nicht zur Aussage vor jener Kommission erschienen war, welche die Korruption seiner fast zehnjährigen Amtszeit untersucht.

Zuma und seine Verbündeten in der Regierungspartei ANC hatten bis 2018 in fast allen staatlichen Unternehmen vom Energieversorger Eskom bis zur Fluglinie South African Airways Milliarden durch fingierte Aufträge oder plumpen Diebstahl abgezweigt. Sein Nachfolger Cyril Ramaphosa hatte bei seinem Amtsantritt 2018 der Korruption den Kampf angesagt. Dennoch gab es lange keine Konsequenzen, obwohl südafrikanische Medien über Jahre detaillierte Belege für die kriminellen Machenschaften gesammelt hatten. Die unter Zuma demoralisierten und fast zerschlagenen Strafverfolger kommen erst langsam wieder auf die Beine, die Verurteilung Zumas war nur der Anfang, gegen ihn und weitere Beschuldigte aus dem ANC laufen eine ganze Reihe Strafverfahren.

Zumas Kinder feuern die Demonstranten an

Die nun ausgebrochenen Proteste können als Machtprobe von Zuma und seinen Verbündeten mit dem Staat gewertet werden. Ob der Ex-Präsident sie aus dem Gefängnis selbst steuert, bleibt unklar, viele seiner Kinder feuern die Demonstranten und Gewalttäter aber in den sozialen Medien an, versuchen, die Gewalt als gerechtfertigte Reaktion auf die schwierige wirtschaftliche Lage vieler Menschen darzustellen. "Es gibt keinen Krieg. Unsere Leute haben Hunger und keine Jobs", twitterte Zumas Tochter Dudu.

Der Vater hatte sich besonders nach seiner Amtszeit als Kämpfer für eine ökonomische Neuverteilung der Reichtümer des Landes inszeniert, die hauptsächlich durch die Enteignung weißer Landbesitzer erreicht werden soll. Als Präsident war Zuma im Wesentlichen damit beschäftigt gewesen, dem Staat Milliarden zu stehlen, die dann für soziale Projekte fehlten. Dennoch hat er bis heute vor allem in der Provinz KwaZulu-Natal viele Anhänger. Dort gibt es die heftigsten Auseinandersetzungen und Plünderungen.

"Wie protestiert man gegen die Inhaftierung seines politischen Helden? Man folgt seinem Beispiel und plündert", schreibt der Autor Max du Preez auf Twitter. Mehrere Drogerieketten schlossen ihre Filialen und stellten auch die Corona-Impfungen ein. Südafrika steuert gerade auf den Höhepunkt der dritten Welle zu, viele Krankenhäuser sind überfüllt. Die Proteste betreffen bisher nur einen zwar wichtigen, aber kleinen Teil des Landes, drohen die Politik aber in einer schwierigen Phase zu lähmen. Präsident Cyril Ramaphosa rief die Zuma-Anhänger zur Ruhe auf. Viele derjenigen, die nun zur Gewalt greifen, fühlten "sich vom Prozess der Erneuerung bedroht". Der Kampf gegen die Korruption werde aber weitergehen.

© SZ/vgr
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