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Südafrika nach der WM:Ein Land in Katerstimmung

Die Vuvuzelas sind verklungen, nun blasen Arbeiter zum Kampf um mehr Lohn: Wer glaubte, der Fußball könne Südafrika in bessere Zeiten retten, hat sich getäuscht.

Südafrikas Wintermärchen, das die Welt verzückte, ist seit sechs Wochen vorbei. Die Fußball-WM ist vielen in guter Erinnerung geblieben: Sie war bestens organisiert und hat Afrikas Ansehen stark befördert. Doch nun ist die große Party vorbei, und das Land zwischen Armut und Reichtum sucht einen Weg zurück in den Alltag. Das aber ist alles andere als leicht. Es war zu erwarten, dass Südafrika nach dem WM-Zauber in ein größeres Loch taumeln würde. So ist es eigentlich mit jedem großen Fest. Danach wirkt der Alltag nur umso grauer, das ist am Kap nicht anders. Gewalttätige Streiks und politische Intrigen, Korruption und Versuche, die freie Presse zu gängeln - all das prägt die Zeit nach dem Turnier.

WM 2010 - Feature

Die große Party namens World Cup ist vorbei und das Land zwischen Armut und Reichtum sucht einen Weg zurück in den Alltag.

(Foto: dpa)

Die Vuvuzelas sind verklungen, nun haben mehr als eine Million Arbeiter zum Kampf um mehr Lohn geblasen. Konflikte, die schon vor der WM schwelten, brechen mit voller Härte auf. Wer daran glaubte, der Fußball könne ein Land in bessere Zeiten gleichsam hinüberbeamen, hat sich getäuscht. Südafrika ist nicht Raumschiff Enterprise und Sepp Blatter kein Scotty, der die Besatzung eben mal per Knopfdruck von einem Planeten auf den nächsten rettet.

Die PR-Strategen des Weltfußballverbandes mögen diesen Eindruck befördert haben, doch das war Augenwischerei. Der Aufstieg Südafrikas ist weder klar vorgezeichnet noch ist er unumkehrbar. Das Land muss erst noch vieles erproben, was die Kluft zwischen Arm und Reich schließen könnte. Bislang war es mit seinen Versuchen, die soziale Kluft zu verringern, trotz des ökonomischen Wachstums nicht sehr erfolgreich.

Um voranzukommen, braucht Südafrika politische Führungskraft, aber die Regierung muss auch Respekt vor der offenen, demokratischen Gesellschaft beweisen. Davon ist derzeit wenig zu spüren. Versuche, die freie Presse zu knechten, sind ebenso bedrohlich wie ein Präsident, der mehr Schlagzeilen mit seinen Frauenaffären macht als mit schlüssigen politischen Entscheidungen. Hinzu kommt der Nepotismus, mit dem der ANC, der das Land einst aus den Klauen der Apartheid befreite, seinen Kredit dauerhaft verspielt.

In den großen Streiks des öffentlichen Dienstes, mit denen derzeit das Land überzogen wird, manifestiert sich die Sehnsucht der Massen nach einem besseren Leben. Ökonomisch betrachtet sind viele Forderungen überzogen, weil der Staat erst allmählich aus der Wirtschaftskrise herausfindet und sich Wohltaten nicht leisten kann. Aber Staatschef Jacob Zuma, der beim Amtsantritt wie ein Messias gefeiert wurde, hat nicht viel bewegt. Seine Bilanz steht in seltsamem Kontrast zur Leistung Südafrikas als WM-Gastgeber unter dem begnadeten Organisator Danny Jordaan.

Das Fußballfest hat der Welt gezeigt, was dieses Land in knapper Zeit erreichen kann, wenn es nur will. Doch die Regierung erweckt nicht den Eindruck, als habe sie das Erfolgsrezept der WM genauer studiert. So wächst der Frust im Volk weiter. Dass der Präsident als großer Macher in die Geschichte eingehen wird, ist unwahrscheinlich. Zuma gilt vielen Menschen als Blender, er nährt die Staatsverdrossenheit.

Südafrika sehnt sich nach einer neuen Lichtgestalt. Doch selbst wenn heute ein Mann oder eine Frau von der politischen Statur Mandelas an die Macht käme, bliebe Südafrikas Weg zum breiten Wohlstand sehr beschwerlich.

Für die streikenden Massen bedeutet dies, dass sie ihre Forderungen mäßigen sollten, weil sie den Staat überfordern. Wenn Patienten in Kliniken durch ausufernde Streiks des Personals in Lebensgefahr geraten, geht der Arbeitskampf außerdem zu weit. Doch eine Regierung, die selbst nur wenig Verantwortungsbewusstsein zeigt, kann dem Volk den Weg nicht weisen. Wenn sich daran nichts ändert, wird die regierende Klasse noch mehr Zorn ernten - und das Wintermärchen Südafrika könnte in der Erinnerung der Welt schnell verblassen.

© SZ vom 24.08.2010/vbe
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