Klimawandel:Der Mann aus Hamm soll's richten

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Klimawandel: Südafrika ist ein Land, das geprägt ist vom Kohleabbau - hier Bergmänner in Khutala, eine Autostunde östlich von Johannesburg.

Südafrika ist ein Land, das geprägt ist vom Kohleabbau - hier Bergmänner in Khutala, eine Autostunde östlich von Johannesburg.

(Foto: Luca Sola/AFP)

Daniel Mminele ist am Rande des Ruhrgebietes aufgewachsen. Nun soll er in Südafrika den Strukturwandel voranbringen und das Land von der Abhängigkeit zur Kohle befreien. Und er soll helfen, die ständigen Stromausfälle am Kap endlich zu beenden.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Tja, das wäre natürlich eine schöne Geschichte, sagt Daniel Mminele, wenn er erzählen könnte, was er in seinem Leben nun ein zweites Mal erlebe: dass die Region, in der er lebt, sich vom Kohlebergbau verabschiedet, mit all den Schmerzen und Chancen. "Strukturwandel" haben sie das Ende der Steinkohle im Ruhrgebiet genannt - Mminele wurde in Südafrika geboren und ist mit 13 Jahren nach Hamm in Westfalen gekommen, an den Rand des Reviers. Er hat in Paderborn und Düsseldorf gelebt und gearbeitet. Er weiß, was ein Kumpel ist und eine Zeche. Seit fast 30 Jahren ist Mminele zurück in Südafrika, er war lange bei der Zentralbank und zuletzt Chef des Finanzinstituts ABSA. Seit einigen Monaten nun ist er Leiter des "Presidential Climate Finance Task Team", ein Wortungetüm, das sich nur schwer übersetzen lässt. Letztlich ist Mminele dem Präsidenten Cyril Ramaphosa unterstellt und dafür verantwortlich, Südafrikas Stromerzeugung und Industrien hin zu erneuerbaren Energien zu transformieren - und das Geld dafür aufzutreiben. Das Land gehört zu den größten Klimasündern der Welt, stößt mehr CO₂ aus als Großbritannien und erzeugt seinen Strom zu 85 Prozent aus Kohle - "coal junkie", sagen manche.

Mminele kommt gerade zurück von der Weltklimakonferenz in Scharm-el-Scheich, wo er einen umfassenden Plan vorgestellt hat, wie Südafrika langfristig loskommen will von der Kohle. Ein Vorhaben, für das er von Deutschland, Großbritannien und Frankreich mit Krediten und Beihilfen in Höhe von 8,5 Milliarden Euro unterstützt wird.

Ob ihm seine Erfahrungen am Rande des Ruhrgebiets geholfen habe, es Lehren aus Nordrhein-Westfalen gebe, die sich auf Südafrika übertragen ließen, fragt man ihn im Interview. "Ich war damals ein Youngster", sagt Mminele. Wenn überhaupt, dann habe er ein gewisses "Umweltbewusstsein" mitgenommen aus seiner Zeit im tiefen Westen.

Als er Ende der Siebziger Jahre nach NRW kam, begann dort der Strukturwandel. Damals musste die SPD ihrer eigenen Klientel klarmachen, dass der Kohle nicht unbedingt die Zukunft gehört. Das steigerte nicht gerade die Beliebtheit. In Südafrika ist es ähnlich, Präsident Ramaphosa war der Mitgründer einer Gewerkschaft für die Bergarbeiter, der heutige Energieminister fuhr selbst unter Tage, die Kohleindustrie ist einer der wenigen Wirtschaftszweige, der mehrheitlich im Besitz von Schwarzen ist. Wie soll da der Wechsel gelingen?

Zum einen, sagt Mminele, sei die Transformation sehr langfristig angelegt: "Wir müssen sicherstellen, dass wir uns um die Gemeinschaften kümmern, die am meisten von der Umstellung betroffen sind, weil sie in hohem Maße von der Wertschöpfungskette fossiler Brennstoffe abhängig sind." Etwa 300 000 Südafrikaner leben derzeit direkt oder indirekt von den Jobs in der Kohlegewinnung, als Kumpel verdient man gut.

Anders als damals im Ruhrgebiet, als der Niedergang der Steinkohle auch durch den Verfall der Preise eingeleitet wurde, verdienen die Konzerne gerade ganz prächtig. Die Nachfrage steigt, vor allem aus Deutschland und Europa, also genau den Ländern, die Südafrika seit Jahren drängen, den Wandel zu Erneuerbaren Energien einzuleiten. Eine bittere Ironie?

"Bigott", fanden einige südafrikanische Politiker. Mminele drückt sich diplomatischer aus: Der Krieg gegen die Ukraine habe die Lage verändert. "Wir leben natürlich in einer Zeit, die noch nie dagewesen ist. Und Energiesicherheit ist überall auf der Welt eine nationale Priorität. Und das bedeutet, dass wir manchmal kurzfristig sehr pragmatische Entscheidungen treffen müssen, um mit Notfällen fertig zu werden. Das darf jedoch nicht auf Kosten von Kompromissen und langfristigen Zielen gehen."

Wie auch andere Länder des globalen Südens gehört Südafrika zu jenen Nationen, die historisch gesehen nicht zu den Hauptverursachern des Klimawandels zählen, nun aber die Folgen spüren. In der Region Ostkap kommt es immer wieder zu Überschwemmungen, zuletzt starben im Januar etwa zwanzig Menschen. Am Westkap um Kapstadt ist die Dürre das Problem. "Ich denke, dass das südafrikanische Publikum und die Interessengruppen die Risiken des Klimawandels, mit denen sie konfrontiert sind, voll und ganz verstehen. Nicht zuletzt, weil die Menschen erkannt haben, dass es sich nicht um ein Problem der Zukunft handelt", sagt Mminele. Die reichen Länder, die ihre Entwicklung den fossilen Energien verdanken, seien nun in der Verpflichtung, den ärmeren zu helfen. In Südafrika halten viele Experten das Geld für gut investiert, auch global gesehen. "Die Kosten für die Reduzierung einer Tonne Kohlenstoff in Südafrika betragen ein Zehntel der Kosten für die Reduzierung einer Tonne Kohlenstoff in Europa", sagte André de Ruyter, der Vorstandschef des staatlichen Energiemonopolisten Eskom kürzlich der Financial Times.

Eskom produzierte den Strom bisher fast ausschließlich aus Kohle und mit einem Atomkraftwerk. Die Meiler sind veraltet, und Eskom war lange von Korruption zerfressen, sodass in Südafrika immer öfter die Lichter ausgehen, am Tag des Interviews mit Mminele für fast acht Stunden. Darin liegt aber auch eine Chance: Das Land braucht mehr Strom, hat im Jahr 2500 Sonnenstunden und keinen Mangel an Wind. Seit Kurzem dürfen nun auch private Produzenten ins staatliche Stromnetz einspeisen, was die Kohlelobby jahrelang verhindert hatte. Bislang fehlen aber die Leitungen in jene Regionen, wo es besonders sonnig ist. Die Hochspannungsleitungen sind eines der ersten Vorhaben, die Mminele angehen will. Er warnt aber vor der Hoffnung, dass alle Probleme des Landes kurzfristig gelöst werden können. Aus den Erfahrungen im ehemaligen Kohleland NRW weiß man, dass der Strukturwandel nie wirklich zu Ende ist.

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