Kapstadt:Mit dem Taxi in den Tod

Kapstadt: Taxis sind das wichtigste öffentliche Transportmittel in den Städten Südafrikas. Im Konflikt verfeindeter Verbände sind dieses Jahr in Kapstadt schon 81 Menschen ums Leben gekommen.

Taxis sind das wichtigste öffentliche Transportmittel in den Städten Südafrikas. Im Konflikt verfeindeter Verbände sind dieses Jahr in Kapstadt schon 81 Menschen ums Leben gekommen.

(Foto: LUCA SOLA/AFP)

Weil verfeindete Taxiverbände mit Waffen um lukrative Strecken kämpfen, ist der öffentliche Nahverkehr zusammengebrochen. Es trifft vor allem die Ärmsten, die aus den Townships nicht zur Arbeit kommen.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

"Sie erschießen Unschuldige, man kann nur beten, dass es aufhört", sagt Yolisa, die nicht mit ihrem Nachnamen zitiert werden möchte. Normalerweise wäre sie am Donnerstagmorgen mit dem Minibus aus ihrer Township in Guguletu in die Innenstadt von Kapstadt gefahren, um zu ihrer Arbeit als Putzfrau zu kommen. Bis zu zwei Stunden braucht sie normalerweise für die etwa 20 Kilometer im morgendlichen Berufsverkehr.

Derzeit sind die Straßen leer, seit vergangener Woche sitzen Zehntausende Pendler in der Region Kapstadt fest, weil die Minibusse größtenteils den Betrieb eingestellt haben. Die Lage sei schrecklich, sagt Yolisa. Sie kommt nicht mehr zur Arbeit, muss auf Teile ihres Gehaltes verzichten, weiß nicht, wie sie für sich und ihre drei Kinder genug Geld zusammenbekommen soll. Oder wann sich die Lage wieder normalisiert.

Allein in diesem Monat sind 23 Menschen in der Region Kapstadt im sogenannten "Taxi-Krieg" ums Leben gekommen, 81 im laufenden Jahr. Manche Opfer waren Fahrer verfeindeter Taxi-Verbände, andere unschuldige Fahrgäste, Frauen und Kinder. Die Taxiverbände haben wegen der vielen Schießereien fast alle ihre Fahrer angewiesen, zu Hause zu bleiben, bis ein nachhaltiger Waffenstillstand in Sicht ist.

Einige Einkaufszentren von Kapstadt sind fast menschenleer, viele Geschäfte und Restaurants haben geschlossen, weil Beschäftigte und Kunden es nicht in die Innenstadt schaffen. Als die Krise vergangene Woche begann, rieten einige Politiker den Bürgern dazu, doch auf "Alternativen" auszuweichen. Die S-Bahn in der Region ist nach Jahren der Korruption, Brandstiftung und Kabeldiebstahls kaum mehr funktionsfähig.

Der Staat kann seine Bürger nicht vor Gewalt schützen

Die Taxiunternehmer fahren zwar selber nicht mehr, wollen aber auch nicht, dass jemand anders ihre Routen übernimmt: Mehrere Uber-Fahrer wurden mit Brandbomben angegriffen, einem Busfahrer des lokalen Unternehmens Golden Arrow wurde in den Mund geschossen, worauf die meisten Linien eingestellt wurden.

Nach den Unruhen in den Regionen Durban und Johannesburg der vergangenen Woche, die von Anhängern des ehemaligen Präsidenten Jacob Zuma angezettelt worden waren, droht Südafrika nun schon die nächste Krise in einer der wichtigsten Städte des Landes. Die Motive und Ursachen sind andere, das Ergebnis jedoch ähnlich: Der Staat kann seiner Bürger nicht vor Gewalt beschützen. Verschiedene Minister sind aus der Hauptstadt Pretoria gekommen, um zwischen den verfeindeten Taxifahrern zu vermitteln. Mehr als bitten und hoffen können sie nicht.

Als die lokale Polizei in der vergangenen Woche versuchte, einige Taxifahrer zu entwaffnen, weigerten die sich, ihre Pistolen abzugeben. Sie sind längst mächtiger als die Polizei, teilweise arbeitet man auch zusammen.

Taxi-Kriege gehören in Südafrika seit Jahrzehnten mehr oder weniger zum Alltag. Die Branche wurde schon vor dem Ende der Apartheid dereguliert. Etwa 200 000 Taxis gibt es in Südafrika, kleine Busse von Toyota, die etwa 60 Prozent des öffentlichen Nahverkehrs bedienen. Formal gesehen handeln die Taxiverbände mit den staatlichen Behörden die Routen und Preise aus, in der Realität wird mit Waffen um die lukrativsten Strecken gekämpft.

Kapstadt wächst so schnell, dass jede Organisation versucht, als erste neue informelle Siedlungen ins Netz aufnehmen. Die wirtschaftlichen Folgen von Corona und den vielen Lockdowns haben die Margen gesenkt und den Druck erhöht, der Konkurrenz Marktanteile abzunehmen. Es ist ein Konflikt, der vor allem die Ärmsten trifft. Eine Fahrt mit dem Uber-Taxi würde Yolisa zwanzig Mal so viel Geld kosten, etwa 20 Euro. Das ist mehr als ihr Tageslohn.

© SZ/liv
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