Süddeutsche Zeitung

Südafrika:Ramaphosa muss den ANC vor sich selbst bewahren

Die Partei hat unter einem technokratischen Aids-Leugner und einem korrupten Präsidenten zwei verlorene Jahrzehnte hinter sich. Doch der neue Chef kann das Erbe Mandelas retten.

In Südafrika gibt es nicht wenige, die den Tag mit einem Blick auf die Wechselkurse beginnen und den Stand der Landeswährung kontrollieren. Viele sehen im Kurs des Rand das beste Barometer für die Lage des Landes. Kaum eine andere Währung auf der Welt ist so volatil, kaum ein anderes Volk verfolgt die Devisenmärkte derart obsessiv wie die Südafrikaner. Nimmt man also die Währung als Indikator, war die Wahl von Cyril Ramaphosa zum neuen Präsidenten des ANC gut für Südafrika. Der Rand ist gegenüber dem Dollar so stark wie lange nicht mehr. Die Frage bleibt, ob es nur ein kurzer Höhenflug ist oder der Beginn eines lang anhaltenden Aufschwungs.

Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Apartheid steht Cyril Ramaphosa vor der monströsen Aufgabe, den von Korruption zerfressenen ANC vor sich selbst zu bewahren und damit den Traum von der Regenbogennation, das Erbe Nelson Mandelas, zu retten.

Mandela wollte Ramaphosa schon damals als Nachfolger haben, konnte sich aber in der eigenen Partei nicht durchsetzen. Es folgten zwei weitgehend verlorene Jahrzehnte.

Erst führte der Technokrat Thabo Mbeki den ANC, ein entrückter Besserwisser und Aids-Leugner, der die kostenlose Vergabe von Aids-Medikamenten einschränkte und damit Tausende in den Tod trieb. Danach kam Jacob Zuma, der gewählt wurde, obwohl er bereits damals einer Vergewaltigung und vieler Korruptionsfälle verdächtigt wurde. Zuma schuf sich seine eigene Regenbogennation, seine korrupten Freunde sind schwarz, weiß oder indischer Abstammung. Er führte das Land auf allen Ebenen in einen moralischen und wirtschaftlichen Bankrott. Er schaltete fast alle Institutionen aus, die ihm gefährlich wurden: Justiz, Polizei und Steuerbehörden. Überall sitzen seine Günstlinge. Nimmt man den Rand als Indikator, verlor das Land während seiner Amtszeit die Hälfte seines Wertes.

Ein Delegierter, der Ramaphosa wählte, soll eine Privatarmee unterhalten

Nun soll es Ramaphosa richten. Es gibt derzeit zumindest im ANC keinen anderen, der dafür besser geeignet wäre. Ramaphosa war einer derer, die mit dem weißen Regime das Ende der Apartheid verhandelt haben. Nun muss er die einstige Befreiungsbewegung von sich selbst befreien und sie moralisch erneuern.

Es mag ihm wirklich ernst damit sein. Ob es gelingt? Der ANC ist ja nicht über Nacht eine andere Partei geworden. Die Delegierten, die ihm und damit der Erneuerung ihre Stimme gaben, wählten gleichzeitig Leute zum Stellvertreter oder Generalsekretär, die zum Übelsten gehören, was der ANC zu bieten hat. Sie werden mit Korruption in Verbindung gebracht, einer soll eine Art Privatarmee unterhalten.

Mehr als einhundert ANC-Mitglieder wurden in den vergangenen Jahren ermordet, weil sie gegen Korruption gekämpft haben oder so korrupt waren, dass sie nichts abgeben wollten. Wie will sich so eine Partei selbst erneuern? Ramaphosa steht für die Aufrechten im ANC. Von denen gibt es noch einige, sie haben zuletzt zu oft geschwiegen. Zu viele von ihnen sind auch jetzt bereit, Zuma zu verzeihen. Es ist der alte Geist der Befreiungsbewegung: Man schwärzt die eigenen Leute nicht an.

Die zynische Haltung vieler Weißer: Die können es nicht besser

Letztlich war es Zuma, der die eigenen Ideale verraten hat. Wenn ein Schwarzer in Südafrika erfolgreich ist, steht er automatisch unter Korruptionsverdacht, so hat es Jacob Zuma beklagt. Niemand hat zu diesem Bild mehr beigetragen als er selbst. Der ANC hat seit dem Ende der Apartheid die Infrastruktur erneuert und etwa vier Millionen Häuser gebaut, er hat die Zahl der Schwarzen an den Universitäten vervielfacht und den Ärmsten staatliche Hilfe verschafft. Unter Zuma aber hat der ANC nur noch an sich selbst gedacht und sich den Staat zur Beute gemacht.

Bei vielen Weißen herrscht eine zynische Haltung: Die können es nicht besser. Dabei ist das weiße Südafrika nicht unbedingt weniger korrupt; vor allem sitzt es weiter auf unermesslichen Reichtümern, die durch Unterdrückung erworben wurden. Wenn der Traum der Regenbogennation wahr werden soll, muss die reiche, weiße Elite mehr abgeben als bisher.

Es geht aber nicht nur ums Verteilen, sondern darum, das Land zu erneuern, Jobs zu schaffen, fair zu sein. Wer schwarz ist und auf dem Land wohnt, kann bisher nur hoffen, durch den ANC eine Stelle beim Staat zu bekommen. So wird die Befreiungsdividende unter das Volk gebracht. Wirklich frei wären die Südafrikaner nur, wenn sie nicht abhängig wären vom ANC. Ob die Partei diesen zweiten Befreiungskampf will, ob sie in der Lage ist, sich selbst zu reformieren, werden die nächsten Jahre zeigen. Mit Cyril Ramaphosa hat der ANC zumindest gute Chancen, die Wahl 2019 zu gewinnen. Das wäre gut für den ANC und kann auch gut für Südafrika sein.

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SZ vom 20.12.2017/jsa
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