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Süd- und Nordkorea:Schießerei an der umstrittenen Seegrenze

Wenige Tage vor Obamas Asien-Besuch beschuldigen sich Süd- und Nordkorea gegenseitig, einen Schusswechsel provoziert zu haben.

Henrik Bork, Peking

Nord- und südkoreanische Kriegsschiffe haben sich am Dienstag ein kurzes Seegefecht geliefert. Politiker beider Länder beschuldigten die jeweils andere Seite, den Zwischenfall provoziert zu haben. Ein nordkoreanisches Patrouillenboot sei im Gelben Meer in südkoreanische Gewässer eingedrungen, meldete die Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf Regierungskreise in Seoul. Auf Warnschüsse hin seien die Nordkoreaner nicht abgedreht, sondern hätten zurückgefeuert.

Südkoreanische Patrouillenboote des gleichen Typs wie die, die in das Seegefecht verwickelt waren.

(Foto: Foto: AP)

Nordkoreas Staatsmedien verbreiteten Berichten zufolge hingegen eine Erklärung, derzufolge sie Südkorea einer "schweren Provokation" bezichtigten. Das eigene Schiff habe sich auf einer "Routinefahrt" befunden, hieß es in Pjöngjang. Man verlange eine Entschuldigung.

Umstrittene Seegrenze

Der Zwischenfall ereignete sich wenige Tage vor dem Eintreffen des amerikanischen Präsidenten Barack Obama in Asien, der auch einen Besuch bei amerikanischen Truppen in Südkorea geplant hat. Die Seegrenze zwischen Süd- und Nordkorea ist seit dem Ende des Koreakrieges umstritten.

Nordkorea weigert sich, die Northern Limit Line (NLL) anzuerkennen, die 1953 von den Vereinten Nationen einseitig festgelegt wurde. Immer wieder kommt es in dem Seegebiet zu Zwischenfällen. Ernste Gefechte mit scharfer Munition hatte es in den vergangenen zehn Jahren jedoch nur zwei Mal gegeben, einmal 1999 und wieder 2002, als sechs südkoreanische Seeleute ums Leben kamen.

Der Schusswechsel am Dienstag soll den Medienberichten zufolge allerdings nur kurz gewesen sein. Das nordkoreanische Marineboot sei dabei beschädigt worden. Später habe es sich wieder in nordkoreanische Gewässer nördlich der NLL zurückgezogen, hieß es in Seoul.

"Zufällige Kampfhandlung"

Auf südkoreanischer Seite hat es diesmal keine Verletzten oder Toten gegeben. Über etwaige Verluste oder Verletzungen auf nordkoreanischer Seite gab es zunächst keine Angaben. "Das Gefecht ereignete sich, nachdem die nordkoreanische Seite unsere verbalen Warnungen und Warnschüsse missachtet und direkt unsere Schnellboote angegriffen hat", sagte Südkoreas Ministerpräsident der Agentur Yonhap zufolge vor dem Parlament in Seoul. Chung sprach von einer "zufälligen Kampfhandlung".

In der Vergangenheit hatten sich Scharmützel und bedrohliche Zusammenstöße oft im Juni ereignet, also während der Hochsaison des Krabbenfangs. Die Gewässer nördlich und südlich der NLL sind besonders ertragreiche Fanggründe, und zu dieser Zeit halten sich dort große Krabbenschwärme auf. Dieses Motiv scheidet diesmal aus.

Nordkorea hatte Südkorea aber Mitte Oktober beschuldigt, mit seinen Kriegschiffen in nordkoreanische Hoheitsgewässer eingedrungen zu sein. Damals hatte das nordkoreanische Marinekommando mit militärischen Vergeltungsmaßnahmen gedroht, sollte es zu erneuten Grenzverletzungen kommen.

Gespräche zwischen USA und Nordkorea

Unterdessen verlautete aus Washington, dass sich die USA zu direkten Gesprächen mit Nordkorea über dessen Atomprogramm entschieden hätten. Präsident Obama wolle seinen Sondergesandten Stephen Bosworth zu diesem Zweck nach Pjöngjang schicken, berichtete die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf Regierungskreise in Washington. Ein Termin stehe noch nicht fest.

Direkte Verhandlungen mit den USA sind eine langjährige Forderung des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il, der sich davon eine Aufwertung seines Regimes und langfristig möglichst diplomatische Beziehungen zu den USA verspricht. Ähnliche Forderungen hatte die US-Regierung unter Präsident George W. Bush stets abgelehnt und stattdessen vor allem auf Verhandlungen im Rahmen der von Peking ausgerichteten Sechs-Länder-Gespräche beharrt.

Derzeit weilt auch eine französische Delegation unter Leitung von Ex-Kulturminister Jack Lang in der nordkoreanischen Hauptstadt. Lang ist von Präsident Nicolas Sarkozy zum Sondergesandten für Nordkorea berufen worden. Beide Seiten wollen über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen verhandeln. Am Dienstag traf Lang Nordkoreas Außenminister Pak Ui Chun.

© SZ vom 11.11.2009/ehr

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