Exzesse gegen Sudetendeutsche:Massaker ist bis heute strafrechtlich nicht aufgeklärt

Henlein und seine Anhänger, die demonstrativ in weißen Socken und Kniestrümpfen auftraten und auch Straßenterror verbreiteten, arbeiteten Hitler in die Hände und jubelten, als 1938 der Anschluss kam. In Podersam versammelten sich über 10.000 Menschen, im nahen Saaz (Žatec) über 30.000. Ihre Begeisterung resultierte aus dem Empfinden fast aller Sudetendeutschen, massiv benachteiligt worden zu sein. Tatsächlich wurde die von der tschechoslowakischen Regierung versprochene Selbstverwaltung nie gewährt, im öffentlichen Dienst wurden zahlreiche deutschsprachige Beamte durch Tschechen ersetzt, die Arbeitslosigkeit war im Sudetengebiet besonders hoch.

Sudetendeutsche Massaker Podborany Privatarchiv J. H. Hasenöhrl

Nahe der Stadt Podbořany wurde 2003 nach den Überresten von Opfern eines Massakers gesucht.

(Foto: Privatarchiv J. H. Hasenöhrl)

Nach dem Anschluss 1938 kehrten sich die Machtverhältnisse um. Viele Tschechen ergriffen die Flucht, ebenso viele sudetendeutsche Juden, die dann auch verfolgt wurden. Die Podersamer NSDAP-Kreisleitung meldete, wie der aus Kriegern stammende Harald Richter in einer Ortsgeschichte schreibt, schon Anfang 1940 an die Gauleitung: "Juden sind so viel wie nicht mehr vorhanden." Ziel sei es auch, den Kreis "möglichst bald von allen tschechischen Elementen frei zu machen". Ehe 1945 das NS-Regime zusammenbrach, sollen in der Region ferner 230 ausländische Zwangsarbeiter, die unterwegs zum KZ Theresienstadt waren, von NS-Schergen erschossen worden sein.

Nach Kriegsende schlug das Pendel wieder in die Gegenrichtung aus, es folgten Gewaltakte gegen Sudetendeutsche und "wilde Vertreibungen". Das Massaker am Elementenwald soll nach der Schilderung sudetendeutscher Zeitzeugen seinen Ausgang am 7. Juni 1945 im Hotel Sonne in Podersam genommen haben, wo Tschechen beim Trinken zusammensaßen. Einer, aus Kladno kommend, habe gegenüber dem anwesenden Leiter des örtlichen Gefängnisses erklärt, er habe drei Jahre zuvor beim Massaker der Deutschen in Lidice (340 Tote) einen Neffen verloren, "gib mir hundert Deutsche dafür". Darauf der: "Achtundsechzig habe ich, die kannst du haben." Sie wurden zum Elementenwald gebracht.

Der Vorgang ist bis heute strafrechtlich nicht aufgeklärt, da solche Taten in den Dekreten des 1945 ins Amt gekommenen Präsidenten Edvard Beneš straffrei gestellt wurden. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im fränkischen Hof wurden 1998 ergebnislos eingestellt. Unermüdlich hat indes der aus Podersam stammende, heute 83-jährige Josef Hasenöhrl aus Frankfurt/Main über Jahrzehnte hin mit erheblichem Aufwand versucht, Licht in die Sache zu bringen. Nach langwierigen Antragsverfahren erhielt er die Genehmigung, auf dem Feld am Elementenwald mit einem Bagger Sondierungsgrabungen vornehmen zu lassen, und tat dies im Oktober 2003. "Außer Spesen nichts gewesen", stellt er enttäuscht fest. Die sterblichen Überreste konnten nicht gefunden werden, womöglich wurden sie in den fünfziger Jahren weggebracht. Immerhin hat Hasenöhrl nach eigenen Worten von einem Tschechen gegen die Zahlung von Geld erfahren, dass dieser damals als 18-Jähriger bei dem Massaker dabei gewesen sei und dass es ihm heute leid tue.

Der mögliche Mittäter Karel Srp aus Groß-Otschehau ist 2006 im Alter von 90 Jahren verstorben. Allerdings förderte jetzt der Reporter Pavel Polák vom Tschechischen Rundfunk ein interessantes Detail aus seiner Biographie zutage, das erklären könnte, warum Srp 1945 so rabiat auftrat. Seine Stieftochter sagte, in der Familie habe man Srp als "Gestapo-Mann" bezeichnet, weil der sich in der Nazi-Zeit mit den Deutschen so gut verstanden habe. Aus anderen Fällen ist bekannt, dass manches Verbrechen an Sudetendeutschen von tschechischen Kollaborateuren des NS-Systems verübt wurde, die sich so gegenüber ihren Landsleuten reinzuwaschen hofften.

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