SudanZurück in die Katastrophe

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Im Sudan droht fünf Jahre nach dem Friedensabkommen der Wiederausbruch des Bürgerkriegs - wenn die Welt dem Land nicht im letzten Moment zu Hilfe eilt.

von John C. Danforth u. Lazaro Sumbeiywo

Der damalige US-Sondergesandte John C. Danforth, 73, und der frühere kenianische General Lazaro Sumbeiywo, 62, vermittelten das Umfassende Friedensabkommen vom 9. Januar 2005. Es beendete den Bürgerkrieg im Sudan.

Sudanesische Frauen stehen im Flüchtlingscamp Abu Shouq in Darfur um Wasser an, geschützt von sudanesischen Sicherheitskräften.
Sudanesische Frauen stehen im Flüchtlingscamp Abu Shouq in Darfur um Wasser an, geschützt von sudanesischen Sicherheitskräften. Foto: AFP

Zu Recht hat die Welt in den vergangenen Jahren gebannt auf den schrecklichen Konflikt in Darfur geblickt, der im Westen Sudans gelegenen Region. Mehrere hunderttausend Zivilisten sind dort ums Leben gekommen. Dabei wurde indes allzu oft vergessen, dass die Darfur-Tragödie auf den sudanesischen Nord-Süd-Konflikt folgte - und dass es sich bei jenem um Afrikas langwierigsten Bürgerkrieg handelte, mit mehr als zwei Millionen Toten.

Heute, auf den Tag genau fünf Jahre, nachdem das Umfassende Friedensabkommen zwischen Nord- und Südsudan unterzeichnet worden ist, besteht jedoch die reale Gefahr, dass im Sudan erneut ein erbarmungsloser Krieg aufflammt. Und zugleich lässt eine dauerhafte Lösung des Darfur-Konflikts weiterhin auf sich warten.

Wir schreiben diesen Text als zwei Privatpersonen, die das Privileg hatten, den Friedensprozess aus nächster Nähe erleben zu können. Wir waren Zeugen der langwierigen, frustrierenden und manchmal geradezu unmöglich erscheinenden Prozesse, das Abkommen auszuhandeln. Wir haben miterlebt, wie der gemeinsame Wunsch aller Parteien nach Frieden doch allmählich Feindseligkeit und gegenseitiges Misstrauen überwand und wie das schließlich am 9. Januar 2005 unterzeichnete Umfassende Friedensabkommen eine Regierung der Nationalen Einheit zwischen früheren Feinden aus beiden Landesteilen ermöglichte.

Das Abkommen legte fest, wie die Regierung der Nationalen Einheit während einer sechsjährigen Übergangsperiode mit einer Reihe von heiklen Fragen umzugehen hat, zum Beispiel der Aufteilung von Ressourcen und Macht, der Grenzziehung und der Neu-Stationierung von Truppen. Mit dem Abkommen wurden auch eine halbautonome Regierung im Süden sowie drei Übergangsgebiete geschaffen.

In zweien dieser Gebiete, Southern Kordofan und Blue Nile, wurde den Einwohnern ein demokratischer Prozess von Volksbefragungen zugesichert. In Abyei, dem dritten Gebiet, sicherten sich die Bürger das Recht, mittels eines Referendums zu entscheiden, ob sie bei Southern Kordofan (einem Teil des Nordsudans) bleiben wollen oder sich dem südsudanesischen Bundesstaat Bahr El Ghazal anschließen wollen. Zentraler Bestandteil des Abkommens war, den Südsudanesen das Recht zu bestätigen, dass sie im Jahr 2011 ein Referendum über ihre Selbstbestimmung abhalten dürfen.

Seitdem sind fünf Jahre vergangen, und nun stehen die Vertragsparteien an der Schwelle zu einem neuen Kapitel in der Geschichte des Sudans. Für April sind landesweite Wahlen vorgesehen, jedoch wurden entscheidende Bestimmungen des Abkommens noch nicht umgesetzt. Nord- und Südsudan brauchen nun dramatisch mehr internationale Unterstützung als bisher, damit sie sich über die Grundlagen ihrer Zukunft verständigen. Andernfalls befürchten wir, dass die Wahlen und das Referendum das Land zurück in einen erbarmungslosen Krieg werfen werden.

Die sich zuspitzenden Verhältnisse im Sudan beweisen die Dringlichkeit der Lage. 2009 war eine massive Zunahme der Gewalt im Südsudan zu verzeichnen, und in den zurückliegenden Monaten kamen mehr Menschen im Zuge des bewaffneten Konflikts im Süden ums Leben als in Darfur. Obwohl die Gewalt in Darfur zurückgegangen ist, sind die Wurzeln des dortigen Konflikts nach wie vor unbehandelt. Auch die Lage im Ostsudan sowie in den drei Übergangsgebieten Abyei, Southern Kordofan und Blue Nile ist weiterhin ungewiss.

Die Zeit geht rasch zur Neige

Das Umfassende Friedensabkommen konnte nicht jedes Problem im Sudan lösen. Doch es zielte darauf ab, den Weg zu Wahlen sowie zu einem Referendum im Süden zu ebnen - der sechsjährige Prozess dorthin sollte dem Sudan helfen, befriedet, demokratischer und besser regiert zu werden. Die Zeit, diese Ziele zu verwirklichen, geht nun rasch zur Neige. Wir stehen nur noch drei Monate vor den Wahlen. Und wenn man sich den derzeitigen Stand der Vorbereitungen anschaut, kommt man um die Feststellung nicht umhin: Sie werden wahrscheinlich nicht den demokratischen Standards entsprechen - und somit die fortwährende Gewalt weiter verschärfen.

Wir sind in tiefer Sorge, dass die historische Chance verspielt wird, die das Umfassende Friedensabkommen bedeutet hat. Politische Führer in aller Welt priesen es einst als Triumph des Friedens. Nun aber haben wir eine Situation, in der die enormen Anstrengungen, die bereits für das Zustandekommen des Abkommens erforderlich waren, noch einmal erforderlich sein werden, um es zu bewahren.

Wir appellieren an alle beteiligten Nationen, die sudanesischen Verhandlungspartner bei ihrem Versuch zu unterstützen, einen dauerhaften Frieden herbeizuführen. Die Vermittler müssen sich auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, ihre Vermittlungsbemühungen intensivieren und auch technische Unterstützung gewähren, um dem Nord- und dem Südsudan bei der Umsetzung der noch unerledigten Projekte des Friedensabkommens von 2005 zu helfen. Dazu gehören zum Beispiel die erwähnten Volksbefragungen in Southern Kordofan und Blue Nile sowie die Referenden in Abyei und im Süden. Außerdem muss das Ausland die Regierung der Nationalen Einheit in Khartum dazu drängen, freie und faire Wahlen zu ermöglichen. Und es muss die UN-Mission im Südsudan sowie die Friedenstruppen der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union in Darfur darin unterstützen, die Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung zu verstärken. Zum Beispiel braucht es dort eine Notfallplanung für Gebiete und Orte, an denen potentiell Gewalt ausbrechen könnte.

Es ist bereits zu spät, um das Friedenabkommen wirklich in vollem Umfang umzusetzen. Doch reicht die Zeit gerade noch, um eine fast sichere Katastrophe zu verhindern, die die Menschen im Sudan in die finstersten Zeiten des Kriegs zwischen Nord und Süd zurückwerfen würde. Wir beschwören die Führer der Welt: Nutzt jeden Tag, der uns noch bleibt.

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