Die Siegespose des Armeechefs Abdel Fatah al-Burhan ist vielen Sudanesen noch in Erinnerung. Als die Armee die zerstörte Hauptstadt des Landes Ende März von der gegnerischen Miliz Rapid Support Forces (RSF) zurückerobert hatte, reckte der General triumphierend die Faust in die Höhe. Burhan wollte die Offensive als Wendepunkt im zweijährigen Krieg verstanden wissen – als sei der Gegner vernichtend geschlagen und die Tage der RSF seien unter ihrem Kommandeur Mohamed Hamdan Daglo, genannt Hemeti, gezählt.
Wer noch eines Belegs bedurfte, dass die Deutung der Armee allenfalls zweckoptimistische und propagandistische Zwecke verfolgte, findet ihn in diesen Tagen. Denn die RSF kämpft, trotz des Rückschlags in Khartum, erbittert weiter. Sie hat den von Hemeti verfolgten Anspruch, den ganzen Sudan unter Kontrolle der RSF zu bringen, keineswegs aufgegeben. Und so konzentrieren sich die militärischen Auseinandersetzungen derzeit auf ein strategisch bedeutsames Gebiet, das als Brücke zwischen Ost und West gilt: die Region Kordofan. Sie ist das neue große Schlachtfeld. Im Sudan tobt ein Kampf um die Mitte.
Die RSF verbreitet Terror, doch auch der Armee trauen viele Sudanesen nicht
Die Kämpfe in dieser Zone machen deutlich, wie tief der drittgrößte Staat in Afrika bereits gespalten ist. Die östlichen Gebiete, bis hin zum Roten Meer, kontrollieren die Streitkräfte der Armee (SAF), mit Burhan an der Spitze. Er dirigiert seine Truppen von Port Sudan aus. Die Hauptstadt Khartum ist vielerorts eine Ruinenlandschaft und offenbar nicht leicht auf Dauer zu sichern. Burhans Erzrivale Hemeti hat fast ganz Darfur erobert, im Westen des Landes. Nur in El Fasher widersetzen sich noch Einheiten der Armee und verbündete Milizen dem Ansturm der RSF.
In den nunmehr 27 Monaten Krieg haben beide Seiten nach Einschätzung von Analysten Kriegsverbrechen begangen. Der Armee wird vorgeworfen, bei Luftangriffen viele Zivilisten zu töten, die RSF soll in Darfur Völkermord begangen haben. Der Konflikt hat die größte Flüchtlingskrise der Gegenwart ausgelöst, mit mehr als zwölf Millionen Vertriebenen. Hunderttausende Menschen sind akut vom Hungertod bedroht.
Die Brutalität, mit der Einheiten der RSF übers Land ziehen, hinterlässt tiefe Spuren in Kordofan. Bei Massakern, die der Truppe Hemetis zugeschrieben werden, starben in der vergangenen Woche mehr als zweihundert Menschen, darunter viele Kinder. Die RSF setzt Terror gegen die Zivilbevölkerung ein, um Angst zu schüren und möglichen Widerstand zu brechen. Landesweit schürt die Miliz damit enormen Hass in der Bevölkerung, der zumindest mancherorts der Armee in die Hände spielt. Doch auch ihr trauen viele Sudanesen nicht, ist sie doch mit vielen Kräften des alten diktatorischen Regimes von Omar al-Baschir durchsetzt.
Durch Kordofan verlaufen wichtige Verkehrswege, die den Osten mit dem Westen verbinden. So rückt die Stadt El Obeid in den Fokus. Die RSF versucht, die Stadt mit einer wichtigen Armeebasis zu umzingeln. El Obeid liegt am Highway B26, der von Khartum bis nach Darfur führt.
Es deutet wenig darauf hin, dass die eine oder andere Seite ganz Kordofan erobern könnte
Die Armee setzt häufig auf Luftschläge. Die RSF warnte, dass ihre Truppen auf den Ort Heglig vorrücken würden, wenn die Armee ihre Luftangriffe in Kordofan nicht einstellte. „Wir werden dort das Öl abdrehen und die Ingenieure töten“, sagte ein RSF-Vertreter, wie die Zeitung Sudan Tribune berichtete. In Heglig, ganz im Süden, liegen die Ölfelder, der Rohstoff wird über eine Pipeline bis Port Sudan für den Export gepumpt. Auch der Nachbar Südsudan nutzt diesen Weg für den Transport seines eigenen Rohöls. Deswegen sind Drohungen, Heglig einzunehmen, weit über die Grenzen bedeutsam. Sie verschärfen die Lage.
Die Rechercheplattform Ayin zitiert den lokalen Analysten Ahmed Hamdan, der für die Zukunft noch mehr Gewalt prognostiziert. „Kordofan wird in einem ausgedehnten bewaffneten Konflikt gefangen sein“, sagt er. Die Armee braucht Kordofan, wenn sie sich entschließen sollte, gegen die RSF in Darfur vorzurücken. Umgekehrt ist die Mitte des Landes auch für die RSF wichtig, sollte sie einen erneuten Vorstoß auf die Hauptstadt Khartum wagen.
Derzeit deutet wenig darauf hin, dass die eine oder andere Seite ganz Kordofan erobern und dauerhaft kontrollieren könnte. Sollte es zu Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien kommen, ist Territorium allerdings die wichtigste Währung, wenn es darum geht, eine Einigung zu erzielen. Gebiete und Ansprüche könnten getauscht werden.
Immer stärker zeichnet sich ab, dass der Sudan der Zukunft ein geteiltes Land sein wird, ähnlich wie der nordwestliche Nachbarstaat Libyen. Denn es ist schwer vorstellbar, dass die sudanesische Armee ganz Darfur von der RSF zurückerobern könnte. Die Truppe von General Burhan hat schon allergrößte Mühe, ihre letzte Stellung in Darfur, die Stadt El Fasher, gegen Belagerer der RSF-Miliz zu halten.
Und die Armee weiß: Ihr Gegner Hemeti hat einen reichen Paten im Rücken: die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie haben der RSF-Miliz nach UN-Erkenntnissen immer wieder Waffen geliefert, um deren Kampf voranzutreiben.

