Sudan Kämpfen ohne fremdes Geld

Obenauf: In der Hauptstadt Khartum protestieren Tausende Sudanesen gegen die Militärregierung.

(Foto: Mohamed Nureldin Abdallah/Reuters)

Nach dem Sturz des Diktators al-Baschir pochen Demonstranten auf einen schnellen Rücktritt des Militärrats. Milliarden der Saudis lehnen sie ab.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Das Geschenk kam nicht gut an. Obwohl die drei Milliarden Dollar, die die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien dem Sudan gerade versprochen hatten, durchaus die Not der Bevölkerung lindern könnten, dabei helfen, den astronomisch hohen Brotpreis zu senken und die Inflation zu stabilisieren. Kurzfristig zumindest. "Wir wollen die saudische Hilfe nicht", skandierten die Demonstranten aber am Sonntagabend auf dem Platz vor dem Militärhauptquartier in Khartum. Und sie riefen auch: "Sieg oder Ägypten."

Der Nachbarstaat im Norden ist für die jungen Revolutionäre im Sudan das Beispiel, wie ihr Aufstand nicht enden sollte. In Ägypten hatte der Arabische Frühling Hosni Mubarak aus dem Amt gefegt, war dann aber zum Erliegen gekommen: 2013 putschte sich das Militär zurück an die Macht, nur kurze Zeit später überwiesen Saudi-Arabien und die Emirate acht Milliarden Dollar, um das neue Regime zu stützen, das auch das alte war. So soll es dem Sudan nicht ergehen, sagen die Demonstranten. Fast zwei Wochen ist der Sturz des Diktators Omar al-Baschir nun her, und das Land ist nicht im Chaos versunken, wie von manchen befürchtet. Aber stabil sind die neuen Verhältnisse auch nicht. Ein Militärrat hat die Macht übernommen, aus Vertretern des alten Regimes.

Protestanten sind auf Eskalation mit dem Militärrat aus. Die Armee warnt, Bürger einzuschränken

Am Sonntagabend trafen sich Zehntausende Demonstranten wieder vor dem Hauptquartier der Armee, eigentlich, um die Vertreter der Übergangsregierung zu benennen. Nach fast zwei Stunden des Wartens sagte ein Sprecher der Opposition aber, dass es heute keine Verkündung geben werde, und er warf der Armee vor, sich an die Macht zu klammern.

"Wir haben uns entschieden, den Weg der Eskalation mit dem Militärrat einzuschlagen, seine Legitimation nicht anzuerkennen, die Sitzblockaden fortzusetzen und die Proteste auf den Straßen zu verstärken", sagte Oppositionssprecher Mohamed al-Amin Abdel-Aziz am Sonntagabend. Die Armee warnte umgekehrt davor, die Straßen zu blockieren und die Bewegungsfreiheit der Bürger einzuschränken.

Die Proteste im Sudan hatten Mitte Dezember begonnen und sich ursprünglich gegen die steigenden Brot- und Lebensmittelpreise gewandt, in den folgenden Wochen war daraus aber ein Aufstand geworden, der sich gegen Langzeitdiktator al-Baschir richtete, der seit dreißig Jahren an der Macht war. Immer mehr Berufsgruppen schlossen sich dem Protest an, bis der Druck so groß wurde, dass das Militär gegen den eigenen Führer putschte, um möglichst viel des alten Systems zu retten. Seitdem regiert ein Militärrat, dessen Vorsitzender Abdel Fattah al-Burhan ankündigte, das alte System "an der Wurzel ausrotten" - al-Burhan war selbst Jahrzehnte lang in führender Position für al-Baschir tätig; den er nun angeblich ins Gefängnis werfen ließ. Aus der Residenz des alten Herrschers ließen die neuen Machthaber Bilder verbreiten, die den Fund von mehreren Millionen Dollar zeigten. Ein bisschen aufräumen, ein bisschen durchlüften - das alte Regime gibt sich einen neuen Anstrich.

Viele Demonstranten befürchten, dass die alten Machthaber damit durchkommen. "Sie wollen unsere Revolution stehlen", sagt ein Oppositionspolitiker. Die Botschafter der USA und der EU haben sich bereits mit den Vertretern des Militärrates ablichten lassen, posierten lächelnd für Fotos mit dessen zweitem Mann, dem berüchtigten Mohammed Hamdan Daglu, genannt "Hameti".

Er ist Chef der sogenannten "Rapid Support Forces", einer mittlerweile in die reguläre Armee eingegliederte Miliz, die für den Völkermord in Darfur mitverantwortlich war und jetzt den Nachschub für den Krieg der Saudis in Jemen organisiert. Tausende Sudanesen aus Darfur kämpfen dort auf der Seite der Ölscheichs - was für die Armeeführung auch ein gutes Geschäft ist.

Die "Rapid Support Forces" (RSF) sind zudem an der Grenze zu Libyen aktiv, sollen dort die Route vieler Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa dichtmachen - auf Wunsch der EU. Die initiierte zusammen mit anderen Nachbarländern des Sudan den sogenannten Khartum-Prozess, eine millionenschwere Vereinbarung, mit der europäische Staaten die Migrationsbewegung stoppen wollen - lokale Grenzschützer werden ausgebildet, Überwachungssysteme installiert. Den schnellen Einsatzkräften der RSF werfen Menschenrechtsorganisationen vor, äußerst brutal gegen Migranten vorzugehen, sie körperlich zu misshandeln und wirtschaftlich auszubeuten. Manche Oppositionelle wollen die RSF deshalb am liebsten sofort auflösen, andere lieber einen Kompromiss mit dem Militär eingehen.

Eine klare und gemeinsame Position der Opposition existiert nur in wenigen Bereichen

Eine klare und gemeinsame Position der Opposition existiert derzeit nur in wenigen Bereichen. Im Sudan gibt es mehr als 100 Parteien, von denen die meisten bei den jungen Demonstranten aber nicht sonderlich beliebt sind, eher als Teil der alten Elite gesehen werden. Prägende Kraft der Proteste ist derzeit die Sudanese Professionals Association (SPA), ein Berufsverband, der vor allem politisch aktive Ärzte, Lehrer und Rechtsanwälte vertritt. Die SPA gründete sich im Jahr 2014 und setzte sich zunächst für eine Erhöhung des Mindestlohnes ein.

Als die Proteste im vergangenen Dezember begannen, rief die SPA dann auch zum Sturz al-Baschirs auf. Tausende folgten ihrem Aufruf, obwohl die Organisation damals selbst in der Hauptstadt Khartum nur wenig bekannt war. Nun muss die SPA aus einem breiten Spektrum der Opposition ein Bündnis schmieden, das möglichst mit einer Stimme spricht. Sie stehen einem Regime gegenüber, das eine jahrzehntelange Erfahrung darin hat, wie man Protest und Unmut unterdrückt.

Einig sind sich die Demonstranten aber zumindest darin, den Protest gegen den Militärrat fortzusetzen; am Donnerstag soll es zu einer neuen Großkundgebung kommen. Die Macht der Straße ist ihre stärkste Waffe.