NS-ProzessSchläge und Dreckwasser

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Die heute 96-jährige Irmgard F. muss sich wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 11 000 Fällen verantworten.
Die heute 96-jährige Irmgard F. muss sich wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 11 000 Fällen verantworten. Christian Charisius/Afp

Im Prozess gegen die frühere KZ-Sekretärin Irmgard F. erzählt eine damalige Gefangene von Gewalt und Folter. Die Angeklagte aber wirkt stoisch, so als gehe sie das alles nichts an.

Von Peter Burghardt, Itzehoe

Sie würde so gerne vergessen. Die Konzentrationslager, das Arbeitslager. Auschwitz, Stutthof, Thorn. Aber es geht nicht. "Die Schläge und die Angst und den Hunger kann man nicht vergessen", sagt Towa-Magda Rosenbaum. "Das ist mein ganzes Leben im Herzen geblieben, bis heute." Deshalb sitzt sie an diesem Dienstagmorgen im Alter von 97 Jahren zuhause in Israel vor einer Computerkamera und erzählt in diesem NS-Prozess, was sie vergessen will und nicht vergessen kann.

Über Video wird ihre Aussage auf Bildschirme in diesen Saal übertragen, das Landgericht Itzehoe tagt in einer umgebauten Lagerhalle. In einem Rollstuhl dort sitzt Irmgard F., 96, von 1943 bis 1945 Sekretärin des Lagerkommandanten im KZ Stutthof und nun angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 11 000 Fällen.

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Sie waren zwei junge Frauen damals, sie kennen und kannten sich nicht. Mehr als ein Dreivierteljahrhundert danach ist die damalige Schreibkraft jetzt die Angeklagte und die damalige Gefangene Zeugin sowie eine von mehr als 30 Nebenklägerinnen und Nebenklägern in diesem Verfahren. Irmgard F. wirkt stoisch wie immer, als an Tag 14 der Hauptverhandlung die Holocaust-Überlebende Rosenbaum ansetzt. Als gehe sie das alles nichts an.

Towa-Magda Rosenbaum trägt eine fliederfarbene Haube und einen hellen Umhang. Sie kam 1924 in Ungarn zur Welt, eine glückliche Kindheit, der Vater war Rabbiner, er schickte die Kinder oft hinaus an die frische Luft. Sie glaubt, dass ihr die viele Bewegung später geholfen hat, am Leben zu bleiben. 1944 wurde die Familie nach Auschwitz deportiert, die Nazis trieben die systematische Vernichtung ungarischer Jüdinnen und Juden voran. Towa-Magdas jüngerer Bruder blieb zurück und wurde ermordet. Ihre Eltern wurden an der Rampe in Auschwitz abgesondert und dann umgebracht. Die letzten Worte ihrer Mutter waren an ihre ältere Schwester gerichtet: "Pass' auf Magda auf."

Die Geschwister wurden ins KZ Stutthof verschleppt, Ankunft am 16. August 1944. Am 22. August 1944 wurde Towa-Magda Rosenbaum, die ihren Mädchennamen trug, 20 Jahre alt, der 20. Geburtstag im KZ. Sie berichtet von einem Lied, wonach man einmal 20 Jahre alt sein wolle und dass sie in jener Nacht gesungen habe: "Ich will noch nie 20 Jahre alt sein", sie lacht bitter. "Für mich war 20 die schlimmste Zeit in meinem Leben."

Ein Holzknüppel mit Leder, die Haut habe stundenlang gebrannt

Die Schläge, "sie haben uns kaputt gemacht, körperlich und seelisch". Ein Holzknüppel mit Leder, die Haut habe stundenlang gebrannt. Eine Barackenwächterin namens Barbara habe ihr Dreckwasser über den Kopf gekippt. Ein Barackenwächter namens Max habe ihnen gesagt, dass "Seife" aus ihnen werde. Sie hätten das nicht verstanden, bis sie später hörten, dass Leichen aus Stutthof zu Seife verarbeitet worden seien. Sie hätten dem Jahre danach in der jüdischen Gemeinde mit einer Zeremonie gedacht.

Statt in ihrer Muttersprache Ungarisch oder auf Hebräisch schildert Towa-Magda Rosenbaum das alles in gebrochenem Deutsch, dabei hatte sie Deutsch nur einst in der Schule gehabt. Sie mischt manchmal ein englisches Wort wie "family" dazwischen. Das ist zuweilen mühsam, aber authentisch, da hat ihr Anwalt Markus Horstmann neben ihr recht.

Im Herbst 1944 mussten sie aus Stutthof zu Fuß ins Außenlager AEG Thorn-Winkenau marschieren. Zwangsarbeit bis zum Tod, von 3000 Mädchen seien 900 übrig geblieben, "ohne Gas", sagt Towa-Magda Rosenbaum. Die Erschöpfung, der Hunger. Sie sei "jealous" gewesen auf die Toten, eifersüchtig. "Sterbt nicht", bat sie trotzdem die Lebenden, "ihr werdet frei sein", ehe russische Soldaten kamen und sie frei waren.

Sie kehrte mit ihrer Schwester heim, fast die ganze Familie war tot, das Haus zerstört. Ihr Anwalt Horstmann zeigt Porträts von ihr vorher und nachher, eine hübsche, strahlende Frau und eine ernste, gezeichnete Frau. Sie verließ mit ihrem Mann, der Auschwitz überlebt hatte, das kommunistische Ungarn und zog nach Israel. Ein neues Leben mit zwei Kindern, verfolgt von der Erinnerung. "Schreckliche Träume", sagt Rosenbaum. "Wir wollen normale Menschen sein, aber inside", so nennt sie es, "sind wir immer defekt geblieben." Sie wünscht sich: "Jeder soll ruhig leben, in seinem Land, mit seiner family, Gott soll helfen zu vergessen", dann ist die Videoschalte zwischen Itzehoe und Israel vorbei.

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