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Stuttgarter OB-Kandidat Fritz Kuhn:Letzte Chance für den Realo-Vordenker

Fritz Kuhn kam aus dem Kreisverband Tübingen, er bastelte an einer "Volkspartei neuen Typs". Joschka Fischer kürte ihn zu seinem Erbprinzen. Das wurde er nicht. Jetzt greift der Grünen-Politiker nach der Macht im Mikrokosmos - dem Amt des Oberbürgermeisters in Stuttgart.

Auf dem Stuttgarter Schlossplatz spricht Fritz Kuhn mit einem Eisbären. Der Eisbär sagt: "Warum sollte ich als Eisbär Sie wählen?" Kuhn erläutert dann sehr ernsthaft, dass der Schutz der Arktis in Stuttgart beginnt. Energie sparen, Abgase mindern. "Das ist schon mal sehr spannend", sagt der Eisbär. Dazu nickt der Greenpeace-Mann im Fellkostüm so eifrig, dass ihm fast die Maske vom Kopf fällt.

Kuhn stellt Plakate zur Stuttgarter OB-Wahl vor

Der Grüne Fritz Kuhn hat in seiner politischen Karriere immer gewartet, und das hat sich gelohnt. Doch mit 57 Jahren ist das Warten kein Konzept mehr.

(Foto: picture alliance / dpa)

Fritz Kuhn will Oberbürgermeister von Stuttgart werden, es ist nicht irgendeine Wahl am 7. Oktober. Ja, die Grünen regieren in Deutschland einige Großstädte. Aber eine Landesmetropole mit 600.000 Einwohnern, die haben sie noch nie regiert. Seit eineinhalb Jahren ist Winfried Kretschmann Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Wenn Kuhn jetzt auch noch OB wird, werden alle sagen: Den Grünen gehört das ganze Land.

Und die Chance ist da, in Stuttgart gibt es ein Öko-Bürgertum, das mit dem Porsche Cayenne zum Bio-Laden fährt. Im Gemeinderat sind die Grünen schon stärkste Kraft. Aber diese Chance muss Kuhn erst mal nutzen: Muss den berufsgemäß smarten Werbeunternehmer Sebastian Turner besiegen, den parteilosen Kandidaten, der auf dem Schild von CDU, FDP und Freien Wählern den leichteren Weg zu einer Mehrheit hat.

Kuhn braucht dafür jede Stimme. Er braucht die Sozialdemokraten, deren beherzte Bewerberin Bettina Wilhelm er im ersten Wahlgang erst mal hinter sich lassen muss. Er braucht auch ein paar jener Cayenne-Fahrer, die Bio für einen Talkmaster halten. Er braucht zumindest einen Teil der Stuttgart-21-Gegner, die sich nach der Volksabstimmung zugunsten des Tiefbahnhofs enttäuscht von den Grünen abgewandt haben. Es ist so knapp, dass Kuhn sogar jeden Eisbären braucht.

Selbstbewusstsein, das für fünf Fernsehstudios gereicht hätte

Angela Merkel wird mit Turner auftreten, Hannelore Kraft mit Wilhelm, Kretschmann mit Kuhn, seinem alten Weggefährten aus dem Landtag. Es ist nicht irgendeine Wahl, und Stuttgart ist nicht irgendeine Stadt: Im Streit um den Bahnhof ist eine der reichsten Kommunen der Republik zur Hauptstadt des Zorns geworden. Der neue OB hat es mit in der Hand, wie groß die Narben sind, die bleiben. Und Fritz Kuhn, der ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen, ihr Fraktionschef im Bundestag? Ist natürlich nicht irgendein Kandidat.

Das vielleicht beste Bild dieses Politikers ist ein Film, ein alter Youtube-Clip aus einer Zeit, in der sich die Schwarzen nur widerwillig dazu herabließen, mit Grünen an einem Tisch zu sitzen. Es war im Landtagswahlkampf 1984, Elefantenrunde im SWR. Der grüne Elefant ist ein schmaler junger Mann von 29 Jahren, immerhin 24 Jahre älter als seine Partei. "Wer sind Sie eigentlich?", blafft ihn der Moderator an. "Wer hat Sie hergeschickt?"

Der Kreisverband Tübingen, sagt Fritz Kuhn, er antwortet dem Moderator so kühl wie drei Jahrzehnte später dem Eisbären. Dann fällt Kuhn mit scharfer Stimme und noch schärferen Argumenten über Lothar Späth her, den Ministerpräsidenten von der CDU. Schon damals hatte er ein Selbstbewusstsein, das für fünf Fernsehstudios gereicht hätte. Und es ist nicht weniger geworden seither.

Kuhn zog in den Landtag ein, wurde Fraktionschef. Zu seinem Selbstbewusstsein gehörte es, dass er regieren wollte, auch wenn das für andere Grüne noch ein Schimpfwort war. "Vordenker des Realo-Flügels" nannte ihn eine Zeitung 1986, das ist er geblieben. In der grünen Bauchpartei kam er schon immer vom Kopf. In unzähligen Konzeptpapieren bastelte er an einer "Volkspartei neuen Typs". Er hat die Grünen früh auf die Schiene gesetzt, auf der sie viel später in Baden-Württemberg an die Macht gefahren sind. Jetzt will Kuhn, der seine Papiere lange für andere schrieb, ein Stück von der Macht für sich selbst.