Stuttgart 21 vor der Abstimmung Nackte Brüste für den Bahnhof

Ein Pfarrer vergleicht die Gegner mit der SA, eine Befürworterin des Projekts macht sich frei und Kampagnenteilnehmer werden penibel gecastet: Der Wahlkampf vor dem Volksentscheid über den Tiefbahnhof wird immer kurioser.

Von Roman Deininger

- Ein Nazi-Vergleich hatte dem Wahlkampf vor der Volksabstimmung über Stuttgart 21 noch gefehlt, aber Johannes Bräuchle hat sich der Sache nun angenommen. Bräuchle ist evangelischer Pfarrer und nicht für den Herrn, sondern auch für die Vergrabung des Hauptbahnhofs entflammt. Den Gegnern dieser Idee unterstellte er in einem besonders feurigen Moment "Terror", wie man ihn "aus der SA-Zeit" kenne. Die Landeskirche hat Bräuchle suspendiert, sein Vorstandsamt im Verein Pro Stuttgart 21 hat er niedergelegt.

Beim Protestieren gerne mal unkonventionell: S21-Gegner in Aktion.

(Foto: dapd)

Der Wahlkampf ist auf beiden Seiten überreich an Kuriositäten, Aufmerksamkeit erregte zuletzt auch eine Nachwuchskraft der Jungen Union. Die Dame hatte sich für das Titelbild eines Befürworter-Flyers weitgehend freigemacht und nur notdürftig mit einem Stück Pappe bedeckt, auf den die JU den Slogan "Oben ohne" gedichtet hatte.

Richtig ausgezahlt hat sich diese vorbildliche Einsatzbereitschaft allerdings nicht, insgesamt kommt die Pro-Kampagne doch arg blutleer daher. Die Bürger, die mit Bahnchef Rüdiger Grube zu Werbezwecken "Bürgerbahn" fahren dürfen, werden via Internet sorgsam gecastet. Und bei mancher Kundgebung stehen auf dem Podium mehr Vertreter der Dafür-Parteien CDU, SPD und FDP herum als unten Zuschauer.

Unterstützer von Stuttgart 21 liegen vorn - ein Drittel noch unentschieden

In der jüngsten Umfrage liegen die Unterstützer des Tiefbahnhofs aber weiter vorn, mit 55 zu 45 Prozent. 27 Prozent der Befragten haben indes noch keine klare Meinung zu S21 gefasst; diesen Prozess soll die Informationsbroschüre der Landesregierung erleichtern, die dieser Tage alle Haushalte erreichte. Die Grünen haben dort zehn Argumente gegen Stuttgart 21 aufgeführt, der Koalitionspartner SPD zehn Argumente dafür - natürlich nicht ohne vorher tüchtig über die genaue Gestaltung des Heftchens gestritten zu haben.

Auch im vorpolitischen Raum wird die Schlacht um den Bahnhof munter mit Gutachten und Expertisen geschlagen: Am Freitag warf eine Gegner-Gruppe namens WikiReal der Bahn abermals vor, den bestandenen Stresstest dreist manipuliert zu haben.

Die S21-Skeptiker geben sich zuversichtlich für den 27. November, ihre bestens besuchten Veranstaltungen werten sie als Beleg der eigenen Mobilisierungsfähigkeit. Auch die hohe Nachfrage nach Briefwahlunterlagen gilt ihnen als günstiges Zeichen; Optimisten halten sogar das Quorum von einem Drittel aller Wahlberechtigten für erreichbar, das die Gegner aber eh nicht akzeptieren wollen.

Am Montag hat der Protest erst mal was zu feiern: die 100. "Montagsdemonstration" vor dem Hauptbahnhof. Am 26. Oktober 2009 hatten sie mit fünf Teilnehmern begonnen, jetzt sind mehrere tausend normal. "Ein einmaliges Phänomen in der deutschen Demokratiegeschichte", sagt Mitorganisator Hannes Rockenbauch, das wesentlich dazu beigetragen habe, dass das Volk nun überhaupt mitreden darf. Trotzdem hofft Rockenbauch, dass die Tradition bald ein Ende findet - nach einem Sieg bei der Volksabstimmung.