bedeckt München 16°

Stuttgart 21 sorgt für Streit unter Christen:Ein S21-Befürworter namens Gott

Dafür oder dagegen: Wenn es um Stuttgart 21 geht, kennen die Menschen in Baden-Württembergs Landeshauptstadt keine Neutralität. Sogar der liebe Gott soll sich entscheiden. Dass ihn der ironiebegabte SPD-Fraktionsvorsitzende Claus Schmiedel für einen Befürworter des Bahnhofsprojekts hält, erzürnt Christen in seiner Partei.

Das Konzept der Neutralität mag in der benachbarten Schweiz als erprobt und belastbar gelten, für die Anwendung auf baden-württembergischem Boden hat es sich indes als ungeeignet erwiesen. So inbrünstig wird dort über Stuttgart 21 gestritten, dass man als in der Bahnhofsfrage Bekenntnisloser sein Sozialleben zumindest in der Landeshauptstadt besser gleich freiwillig einstellt. Der Neutralität im Ringen von Gut und Böse begegnen die Schwaben mit Argwohn, weshalb es etwas misslich ist, dass ausgerechnet der Herrgott es bisher verpasst hat, zur Zukunft des Bahnknotens Stuttgarts klar Position zu beziehen.

Stuttgart 21 - Demonstration pro S21

Himmlischer Beistand von Gott? Manche Befürworter von Stuttgart 21 - hier auf einer Demo im Oktober vergangenen Jahres - möchten das gern glauben.

(Foto: dpa)

Seinen Erdenbürgern bleibt also nur, über die himmlischen Präferenzen in Verkehrspolitik und Stadtplanung zu mutmaßen. Unlängst tat sich dabei SPD-Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel hervor, der bei einer Kundgebung von Tiefbahnhof-Befürwortern seine Überzeugung bekanntmachte, dass "über Stuttgart 21 Gottes Segen liegt".

Schmiedel gehört der raren Spezies des ironiebegabten Polterers an, was der "Gesprächskreis Christinnen/Christen und SPD" bei seiner Bewertung des Zitats aber erwartungsgemäß nicht berücksichtigte. Die frommen Sozialdemokraten lasen ihrem übermütigen Fraktionschef in einer Erklärung die Leviten, die durch die Unterschrift der Parteiweisen Erhard Eppler und Ernst-Ulrich von Weizsäcker an Gewichtigkeit gewann.

Schmiedel empfindet "Anmaßung" der Pfarrer

"Wann auch immer Politiker Gottes Willen mit dem ihrigen verwechselten, entstand Unheil", wird Schmiedel da aufgeklärt und dringlich dazu angehalten, "politische Sachkonflikte" nicht "religiös aufzuladen". Dass der Sachkonflikt um Stuttgart 21 die baden-württembergische SPD sehr diesseitig spaltet, offenbarte dann ein Nachwort von Landes-Vize Leni Breymaier. "Wenn man schon höhere Mächte für ein Bahnprojekt in Anspruch nehmen muss", sagte die Parteilinke, "kann es mit den Befürwortern von Stuttgart 21 nicht weit her sein." Zu den Befürwortern, mit denen es nicht weit her sein kann, gehören sechs der sieben roten Minister im Stuttgarter Kabinett.

Schmiedel möchte seine Aussage nun als Reaktion auf Versuche der S21-Gegner verstanden wissen, den Bau des Tiefbahnhofs als unchristliches Vorhaben zu diskreditieren. Das empfinde er als "eine ziemliche Anmaßung". Schmiedel bezieht sich auf die Gruppe "Pfarrer-/innen gegen Stuttgart 21", die S21 als "Projekt menschlicher Überheblichkeit" geißelt, immer mittwochs zum "Parkgebet" lädt und den Herrn darum bittet, seine "Hand schützend über das Kleinod unseres Parks" zu halten sowie der Protestbewegung "Kraft" zu geben.

Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann übrigens, dem ein guter Draht zu Gott nachgesagt wird, hofft bei der Volksabstimmung über den Bahnhof auf ein "Wunder".