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Stuttgart 21: Schlichter Heiner Geißler:Stratege, Haudrauf und Intellektueller

Heiner Geißler soll den Streit um Stuttgart 21 entschärfen. Doch ob er Ministerpräsident Mappus wirklich nutzt, ist offen: Zuletzt hat sich Geißler solidarisch mit friedlichen Demonstranten gezeigt - und sogar das "Recht auf Notwehr" betont.

Heiner Geißler also. Er soll das vollbringen, was nahezu unmöglich erscheint: Den Konflikt um den Bahnhofsneubau Stuttgart 21 entschärfen. Dass Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus ausgerechnet auf seinen 80 Jahre alten Parteifreund zurückgreift, ist ein naheliegender Schachzug.

Heiner Geißler CDU  Stuttgart 21

Soll den Streit um Stuttgart 21 entschärfen: Heiner Geißler

(Foto: Oliver Das Gupta)

Es ist eine Geste von Mappus an die Stuttgart-21-Gegner, denn die Grünen hatten den langjährigen CDU-Generalsekretär als Erste als möglichen Mittelsmann benannt. Und es ist ein Rückgriff auf einen erfahrenen Moderator: Geißler vermittelte in den vergangenen Jahren häufiger und erfolgreich: Viermal schlichtete er allein im Baugewerbe, einmal bei Tarifauseinandersetzungen bei der Telekom, zuletzt vor drei Jahren, als es massiv zwischen Deutscher Bahn und der Lokomotivführergewerkschaft GDL krachte.

Dass Geißler nun bei Stuttgart 21 Feuerwehr spielen soll, ist aber auch ein Indiz dafür, wie lichterloh es bei Mappus und seiner Südwest-CDU brennt: In den Umfragen schmieren die regierenden Christdemokraten auch wegen der Bahnhofs-Causa ab - und der Koalitionär FDP stellt einen peinlichen Justizminister, der in der Öffentlichkeit negativ auffällt. Der früher von manchem in der Union insgeheim angedachte grüne Polit-Partner hat sich eingegraben.

Kein Zweifel: Stefan Mappus, die Hoffnung aller Konservativen in der Union, hat Schlagseite. Die Landtagswahl in fünf Monaten könnte eine historische Wende in Stuttgart bringen - und möglicherweise sogar einen grünen Ministerpräsidenten.

Heiner Geißler soll dabei helfen, ein solches Szenario zu verhindern. Der angeschlagene Regierungschef Mappus, der sich gern forsch und konservativ gibt, holt sich immer wieder mal den Rat des knorrigen Polit-Rentners Geißler - obwohl der Senior in weiten Teilen der CDU als Persona non grata und verkappter Linker verschrien ist.

Freund und Feind schätzen und fürchten Geißler als ausgefuchsten Intellektuellen, als rhetorisch brillanten Strategen und polarisierenden Haudrauf. Das politische Leben des passionierten Bergsteigers steckt voller Volten: Lange galt er als Sturmgeschütz der Konservativen, in den vergangenen Jahren jedoch macht er sich mit gleicher Verve für die Globalisierungskritiker von Attac stark - und brandmarkt den Kapitalismus als "so falsch wie den Kommunismus".

Geißler stammt aus dem Oberen Neckartal, wo er einen Monat vor Helmut Kohl zur Welt kommt. Das Kriegsende erlebt er als 15-Jähriger. Den jungen Heinrich, den bald alle Heiner nennen, zieht es zu den Jesuiten, Geistlicher wird er trotzdem nicht: Alle Gelübde kann er nicht halten, "die Armut war es nicht", witzelt er später.

Kohls Mann für das Grobe

Der Hochbegabte wird Jurist, promoviert über das "Recht der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen". Kurz arbeitet er als Richter in Stuttgart, das in jenen Tagen der frühen sechziger Jahren deutlich ruhiger ist als Stuttgart 2010. Bald folgt der Wechsel in politische Sphären: Geißler leitet das Büro des baden-württembergischen Arbeitsministers, er engagiert sich in der CDU. 1965 zieht er erstmals in den Bundestag ein. Die weitere Karriere ist eng verbunden mit einem aufstrebenden Parteifreund aus dem benachbarten Rheinland-Pfalz: Helmut Kohl, der junge Ministerpräsident in Mainz, erkennt früh die Fähigkeiten, Heiner Geißler reüssiert als Sozialminister.

Nach Übernahme des CDU-Vorsitzes holt Oppositionsführer Kohl den Schwaben als Generalsekretär ins Bonner Adenauerhaus. Und Geißler greift durch. Er drillt die Partei auf Machtwechsel, managt Wahlkämpfe und bastelt erfolgreich an Kohls Kanzlerschaft - der macht ihn später zum Familienminister.