Süddeutsche Zeitung

Stuttgart 21:Es wird teurer und teurer

Die Kosten für den Großbahnhof werden nun auf rund elf Milliarden Euro geschätzt - 1,7 Milliarden Euro mehr als zuletzt kalkuliert. Schuld ist die Inflation.

Von Max Ferstl, Stuttgart

Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass im Stuttgarter Bahnhof gefeiert wurde. Sogar Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann schaute vorbei, um die nigelnagelneue Bahnstrecke zwischen Wendlingen und Ulm einzuweihen. Die Schnellverbindung ist Teil des Großvorhabens Stuttgart 21, und natürlich war die Eröffnung auch eine Botschaft: Schaut her, es geht voran auf der kompliziertesten Baustelle im Südwesten. Auf dem Bahnsteig stand ein Pfarrer und gab den Gleisen seinen Segen.

Im Dezember 2023 verdichten sich allerdings die Hinweise, dass selbst göttlicher Beistand nicht ausreicht, um in Stuttgart einen neuen Bahnhof im Kostenrahmen zu bauen. Am Donnerstag berichteten mehrere Medien übereinstimmend, dass die Kosten für Stuttgart 21 erheblich steigen werden: auf insgesamt rund elf Milliarden Euro. Das wären 1,7 Milliarden Euro mehr als zuletzt kalkuliert.

Manches kostet nun zwei oder drei Mal so viel wie geplant

Ein Bahn-Sprecher will die Zahlen auf Nachfrage nicht bestätigen. Er verweist allgemein auf die Bauvorhaben der Bahn, die "von der stark gestiegenen Inflation im Baubereich betroffen" seien. Daher seien "die Kosten- und Terminplanungen für Stuttgart 21 überprüft" worden. Darüber werde der Aufsichtsrat beraten.

Dass die zuletzt genannten 9,15 Milliarden nicht reichen werden, darf jedoch als gesichert gelten. "Die Indizien, dass wir den Kostenrahmen nicht halten werden können, haben sich so weit verdichtet, dass wir jetzt intern dringend darüber diskutieren müssen", sagte Berthold Huber, Infrastrukturvorstand der Deutschen Bahn, vor einer Woche. Von erheblichen Kostensteigerungen in allen Gewerken war die Rede. Ähnlich pessimistisch klang auch Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Bei einzelnen Ausschreibungen habe es Steigerungen von 100 bis 200 Prozent gegeben: "Wir reißen die bisherigen Pläne auf jeden Fall."

Damit steht schon jetzt fest, dass die finalen Kosten für Stuttgart 21 nicht mehr viel mit der ursprünglichen Kalkulation zu tun haben werden. Im Jahr 2009, als die Finanzierung beschlossen wurde, gingen die Projektpartner von 4,5 Milliarden Euro aus. Deshalb streiten sich die Beteiligten, unter anderem die Bahn, das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart darum, wer das alles bezahlen soll. Die Frage wird mittlerweile vor Gericht verhandelt, das Ende: unabsehbar. Wie so vieles, was Stuttgart 21 betrifft.

Inbetriebnahme Dezember 2025? Wird eng

Eigentlich soll das Projekt den gesamten Bahnknotenpunkt Stuttgart neu organisieren. Kürzere Umstiegszeiten, mehr Verbindungen, ökonomisch und ökologisch sinnvoll, so lauteten damals die Versprechen der Bahnhofs-Befürworter. Zumindest bei den Kosten scheinen allerdings die Kritiker recht zu behalten, die schon damals warnten, dass der Bahnhof viel teurer werde als angenommen.

Neue Zweifel gibt es auch am Starttermin. Laut Bahn soll der Bahnhof im Dezember 2025 in Betrieb gehen. Allerdings berichtete kürzlich der SWR unter anderem über Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit einem Partnerunternehmen, das sich um die Digitalisierung des Bahnknotens kümmert. "Der digitale Knoten Stuttgart ist der herausforderndste Punkt", räumte Infrastrukturvorstand Huber ein. Bestimmte Meilensteine seien nicht erreicht worden. Die Bahn habe deswegen 60 eigene Mitarbeiter zusätzlich in das Projekt integriert. Ein Bahn-Sprecher schreibt: "Wir gehen weiterhin von einer Inbetriebnahme des künftigen Stuttgarter Hauptbahnhofs im Dezember 2025 aus."

Allerdings klang zuletzt auch Verkehrsminister Hermann nicht mehr ganz so zuversichtlich: "Stand heute sieht es so aus, dass es zwar eng wird, aber noch möglich ist." Im nächsten halben Jahr wird sich zeigen, ob es klappt: Spätestens bis Juni wird der Fahrplan festgelegt.

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