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Sturm "Sandy" und der US-Wahlkampf:Fernduell in Gummistiefeln

Offiziell hat der US-Wahlkampf wegen Sturm "Sandy" Pause, Obama und Romney können die Katastrophe dennoch politisch nutzen. Der Präsident darf sich als Krisenmanager beweisen, sein Herausforderer auf Fehler hoffen - und erklären, warum er ausgerechnet beim Katastrophenschutz sparen wollte.

Michael König

Diese Fotos sind kein Zufall. Barack Obama vor großen Landkarten im Krisenzentrum der Federal Emergency Management Agency (Fema), die Ausmaße des Sturms Sandy im Blick. Obama, wie er die Stufen zur Air Force One im Laufschritt nimmt, umgeben von Nebelschwaden. Obama im strömenden Regen im Garten des Weißen Hauses, das Wasser prasselt ihm auf das ungeschützte Haupt.

Der US-Präsidentschaftswahlkampf hat offiziell Pause. Jetzt gehe es darum, Leben zu retten, hat der Präsident betont. "Das ist jetzt keine Frage der Optik, sondern der Verantwortung", tönt sein Berater David Axelrod. Doch die Fotografen sind immer dabei. Und der Herausforderer, Mitt Romney, widmet einen Auftritt im besonders umkämpften Bundesstaat Ohio kurzerhand zum "Sturmhilfe-Event" um. Was auch immer das sein mag.

Das Werben um die womöglich entscheidenden Wähler geht unvermindert weiter, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Sieben Tage vor der Wahl wird Krisenmanagement zum beherrschenden Thema. Für Obama liegt darin eine große Chance. Oder doch eher eine Gefahr?

Erinnerung an Schröders Gummistiefel

In schweren Zeiten scharen sich die Wähler um die Regierenden und ihre Krisenmanager. So lautet zumindest die vorherrschende Meinung. Dazu passt, dass der hemdsärmelige Fema-Chef Craig Fugate gerade als Heilsbringer durch die US-Medien gereicht wird und sich Obama demonstrativ an seiner Seite zeigte. Aber gilt das auch für eine Katastrophe wie Sandy, die an der Ostküste wütet und immer neue Schreckensbilder liefert?

Obama muss darauf hoffen, dass die Bürger ihm in der Not vertrauen. Weitere plakative Auftritte des Präsidenten werden folgen. Womöglich halten die Berater schon schwarze Gummistiefel parat. Mit deren Hilfe gewann SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder nach der "Jahrhundertflut" an Elbe und Donau 2002 trotz mieser Umfragen noch die Bundestagswahl. Wie man es hingegen besser nicht macht, zeigte US-Präsident George W. Bush im Jahr 2005. Der zögerte und zauderte, als während und nach Hurrikan Katrina 1800 Menschen starben. Dieses Verhalten verziehen ihm nicht einmal seine Anhänger.

Kaum vorstellbar, dass sich Obama so dilettantisch anstellt wie sein Vorgänger. Trotzdem ist Sandy politisch gesehen auch gefährlich für ihn. Amerikaner neigen dazu, den Präsidenten für alles abzustrafen, was ihnen schadet. Davon profitiert Romney.

Der Republikaner gibt sich dieser Tage präsidial. Für ihn ist die Angelegenheit auf den ersten Blick einfacher: Als Herausforderer kann Romney darauf hoffen, dass sich Obama einen Patzer leistet. Er kann zu Spenden aufrufen und sein Mitgefühl ausdrücken. Viel mehr kann er allerdings nicht tun, seine Rolle ist naturgemäß eher passiv. Oder um es mit Mary Kate Cary zu sagen, die einst für den Republikaner George Bush senior Reden schrieb: "Ich glaube nicht, dass er in dieser Situation viel zu gewinnen hat."

Nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren. Die liberalen Medien weiden sich an einer Aussage Romneys aus dem Jahr 2011, in der er andeutete, die für das Krisenmanagement so wichtige Bundesbehörde Fema abschaffen zu wollen. Man müsse jede Chance ergreifen, "etwas von der Bundes- auf die Einzelstaatsebene zu verlagern", sagte Romney damals in einer Vorwahldebatte der Republikaner. "Und wenn man die Aufgabe in die Privatwirtschaft geben kann, dann ist das noch besser."

"Absurd und gefährlich"

Auf die Nachfrage, ob damit explizit auch Katastrophenschutz gemeint sei, sagte Romney, es sei "unmoralisch", immer größere Schulden aufzuhäufen und die Schulden der nächsten Generation zu überlassen. Das passt zu der Überzeugung vieler Republikaner, die amerikanische Gesellschaft sei zu sehr von staatlichen Leistungen abhängig und diese müssten deshalb gekürzt werden - mit Ausnahme der Rüstungsausgaben, versteht sich.

Ein Sprecher Romneys hat die Aussage von 2011 inzwischen relativiert, aber der Furor beherrscht die Kommentarspalten. "Absurd und gefährlich" nennt die Washington Post den Vorschlag Romneys. Die New York Times fragt: "Wenn die Bundesstaaten das Sagen haben, wer entscheidet dann, wo die Hilfe am nötigsten gebraucht wird?"

Im Häme-Medium Twitter machten unter dem Hashtag #RomneyStormTips und einem gleichnamigen Account amüsante bis dümmliche Hinweise die Runde, die der Millionär dem von Sandy bedrohten Pöbel geben könnte: "Alle Menschen sollten die Gefahrenzone verlassen und Schutz in ihren Zweit- oder Dritthäusern suchen." - "Sie haben kein Ferienhaus? Leihen Sie sich eines von Ihren Eltern!"

© Süddeutsche.de/joku/gba
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