Parteien und ihre Spitzenleute:Unterschiedliche Schwesterparteien

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Die CSU...

...trägt zwar das Christliche im Namen. Aber besser macht sie es im Umgang mit ihren Vorsitzenden nicht. Allenfalls unterhaltsamer. Man könnte auch sagen: barocker. Was gut dazu passt, dass der bayrische Ministerpräsident (bislang waren es ja immer Männer) bis heute hie und da wie ein König in der Kutsche vors Volk fährt.

Goppel, Strauß, Stoiber - auf ihre Art sind das alles Patriarchen gewesen. Auch wenn beim letztgenannten die Töchter wenigstens zum Ende der Amtszeit hin eine gewisse Sensibilität für eine modernere Familienpolitik geweckt haben.

Am beinharten Umgang mit den Hirschen, die das Rudel nicht mehr führen sollen, hat das freilich nichts geändert. Schon der Sturz von Max Streibl war begleitet von einigen Dosen Gift, die öffentlich verbreitet wurden und ihn mehr und mehr zermürbt haben. Noch garstiger und zugleich süffiger war das Abräumen, Wegdrängen, Rausschieben von Edmund Stoiber. An dessen Stuhl sägten in den Tagen vor dem Sturz Anfang 2007 zahlreiche kleinere CSUler mit wachsender Wonne.

Die absurdeste Szene ergab sich auf Stoibers damaligem Neujahrsempfang in der Münchner Residenz. Dort nämlich musste Stoiber vor laufenden Kameras noch alle möglichen Gäste begrüßen, während im Saal daneben seine Nachfolger als bayerischer Ministerpräsident beziehungsweise CSU-Chef, Günther Beckstein und Erwin Huber, als Doppelspitze schon die Macht neu verteilten. In die Geschichtsbücher eingegangen ist damals vor allem jenes verkrampfte, zornig-beleidigte Lächeln Stoibers, das er beim Handschlag mit Gabriele Pauli, der streitbaren Stoiber-Kritikerin, im Gesicht trug.

Verglichen damit war der wenig zimperliche Machtkampf zwischen Horst Seehofer und Markus Söder beinahe erträglich. Seehofer musste manches einstecken vom einstigen Stoiber-Zögling Söder. Aber ein solcher Pauli-Moment - Auge in Auge vor tausend Kameras - ist Seehofer erspart geblieben.

Die CDU...

...wäre zu alldem nicht in der Lage. Nicht atmosphärisch, nicht politisch. Unvorstellbar, dass sich ein solcher Machtkampf wie in der CSU auf offener Bühne und das über Wochen hinziehen könnte. Zu nüchtern, zu selbstdiszipliniert, zu protestantisch wird hier oft agiert und gehandelt. Mag sein, dass sich das in den kommenden Wochen oder Monaten ändert, sollten die Sozialdemokraten den Koalitionsvertrag ablehnen - und Angela Merkel noch einmal ohne Partner und ohne Regierung dastehen.

In den letzten Jahrzehnten aber waren die Christdemokraten nie in der Lage, einen Vorsitzenden zu stürzen. Das mag an der Tatsache liegen, dass die Christdemokraten eine bürgerliche Scham haben, Streitereien derart offen auszutragen. Wahrscheinlicher aber ist, dass die CDU insbesondere in den vielen Jahren an der Regierung ein geordnetes Bild und einen disziplinierten Auftritt immer für wichtiger gehalten hat als einen erzwungenen Machtwechsel. Nach dem Motto: Bloß kein Streit, dann geht's schon irgendwie weiter. Und ansonsten kommt halt die Abwahl.

Am krassesten - weil offensichtlich in die Niederlage führend - geschah das im Wahljahr 1998. Die gesamte Partei, auch Helmut Kohl selbst, ahnte oder wusste schon früh in jenem Sommer, dass sie die Wahl verlieren würde. Aber die Partei war nicht in der Lage, dagegenzuhalten. Trotz kollektiver Erkenntnis brachte sie es nicht zustande, Kohl gegen Wolfgang Schäuble auszutauschen. Kohl hatte sanfte Bestrebungen in diese Richtung 1996 schon einmal abgewehrt. Also traute sich nun erst recht keiner mehr. Hätte man 1998 Umfragen gemacht, wären viele in der Partei dafür gewesen. Gehandelt hat trotzdem niemand.

Der verstorbene Peter Hintze, damals CDU-Generalsekretär, hat die Stimmung im Jahr 1998 einmal mit der Stimmung in einem Bunker verglichen. Keiner rührt sich; keiner kann noch was bewegen. Man wartet halt ab, bis alles vorbei ist.

Daneben gibt es einen zweiten Grund, der als Mahnmal in allen Köpfen hängt: die gescheiterte Absetzung des Parteivorsitzenden Kohl im Sommer und Herbst 1989. Damals hatten einige um Heiner Geißler und Lothar Späth beschlossen, ihn auf dem Bremer Parteitag zu stürzen. Sie hatten manches vorbereitet, und sogar den Nachfolger (Späth) bereits ausgekaspert. Dann aber kam ihnen Kohls Schläue in die Quere - und dazu der bröckelnde eiserne Vorhang in Ungarn.

In einem fast genialischen Schachzug nutzte Kohl die Gunst der Stunde und inszenierte sich im Zusammenspiel mit der damaligen ungarischen Führung als Kanzler des ganz großen Wandels. Daraufhin bekamen viele in der CDU kalte Füße; der Putsch wurde abgesagt; Geißler wurde als Verräter vor die Tür gesetzt. Niemand hat das je vergessen.

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