Studie:Zweifel am langen Ganztag

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Eine Befragung des Deutschen Jugendinstituts zeigt: Viele Eltern suchen zwar einen Platz in Hort oder Ganztagsschule, sie wollen ihre Kinder aber flexibler betreuen lassen als von der Politik vorgesehen.

Von Edeltraud Rattenhuber

Fast drei Viertel der Grundschulkinder benötigen Betreuung am Nachmittag - doch nur knapp die Hälfte hat einen Platz in Hort oder Ganztagsschule ergattert. Das ergab eine repräsentative Befragung des Deutschen Jugendinstituts (DJI), an der etwa 33 000 Familien mit Kindern unter zwölf Jahren teilnahmen. DJI-Direktor Thomas Rauschenbach betont, die neuen Zahlen zeigten, dass der Bedarf weiter steige. "Auf diese Entwicklungen angemessen zu reagieren und bis zum Jahr 2025 genügend Plätze zu schaffen, kostet viel Geld und wird ohne zusätzliche Bundesmittel nicht zu realisieren sein", sagt Rauschenbach. Von 2025 an sollen Eltern einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung von Grundschülern erhalten, so ist es im Koalitionsvertrag von Union und SPD festgehalten.

Die Kinderbetreuungsstudie (KiBS) wird jährlich erstellt. Die Ergebnisse zeigen, dass Eltern zunehmend flexible Betreuungsangebote suchen - auch weil sie zweifeln, dass ein sogenannter langer Ganztag den Kindern guttue, erklärt Studienleiter Christian Alt. Schließlich gebe es einfach zu wenig belastbare Erkenntnisse über die Folgen von Ganztagsbetreuung.

In den alten Bundesländern gibt es im Gegensatz zu den neuen Bundesländern eine lange Tradition der familiären, außerschulischen Nachmittagsbetreuung. Doch in den vergangenen Jahren hat sich das stark gewandelt. So melden in den westdeutschen Bundesländern mittlerweile 69 Prozent der Eltern Bedarf für einen Betreuungsplatz. Doch nur 42 Prozent können ein Ganztagsangebot im Hort oder in der Ganztagsschule nutzen. In den neuen Bundesländern (mit Berlin) ist dagegen nicht nur der Bedarf mit 91 Prozent deutlich höher, sondern auch die Inanspruchnahme. Hier nutzen 78 Prozent der Grundschulkinder ein Ganztagsangebot.

Nicht alle Eltern wünschen allerdings ein ganztätiges Angebot, wie die Studienleiter betonen. In Westdeutschland sucht beispielsweise die Hälfte der Eltern mit Betreuungsbedarf für ihre Kinder kein Angebot, das der Formel "fünf Tage pro Woche mit jeweils acht Stunden" entspricht, in der Schule und anschließende Betreuung enthalten sind. Das werde in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion um einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter häufig übersehen, heißt es in der KiBS-Studie. Diese Eltern benötigen vielmehr flexible, kürzere Angebote - sei es, dass eine Betreuung nur an einzelnen Wochentagen gewünscht wird oder nur bis zum frühen Nachmittag.

So geben 19 Prozent der Eltern mit Bedarf an, dass sie lediglich an maximal drei Tagen pro Woche eine Betreuung benötigen. Etwa ein Fünftel der ostdeutschen und knapp die Hälfte der westdeutschen Eltern haben einen Bedarf von maximal 35 Stunden pro Woche, wiederum bezogen auf Schule plus Betreuung.

Auch diese Angebote müssten allerdings mit Fachkräften ausgestattet werden, meint DJI-Direktor Rauschenbach. "Das Personal ist die Achillesferse", bestätigt Studienleiter Alt. Qualitativ hochwertige Betreuung werde es nur geben, wenn man das entsprechende Personal habe. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung fehlen schon jetzt allein in den Kitas etwa 100 000 Erzieher.

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