Studie Warum deutsche Populisten "enttäuschte Demokraten" sind

Etwa ein Drittel der Deutschen stimmt laut der Studie populistischen Aussagen grundlegend zu.

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  • In Deutschland seien populistische Einstellungen weit verbreitet, heißt es in einer repräsentativen Studie der Bertelsmann-Stiftung.
  • Die meisten dieser Menschen aber seien "enttäuschte Demokraten" und "keine Feinde der Demokratie".
  • Für den Bundestagswahlkampf bedeute das, mit radikalen Thesen könnten Politiker beim Großteil der Wähler nicht punkten.
Von Pia Ratzesberger (Text) und Christian Endt (Grafik)

Da war der Galgen vor der Dresdner Semperoper, "reserviert für Angela Mutti Merkel" und "reserviert für Sigmar das Pack Gabriel". Ein Demonstrant drohte, die Kanzlerin und den Vizekanzler zu hängen. Da waren Sätze wie "euch sollte man im Fluss ertränken" oder "denen sollte man die Augen ausstechen", auf den Internetseiten von Politikern zu lesen, jeden Tag aufs Neue. Da sind die Lauten, die das System verachten - doch zeigt eine neue Studie, dass sie nicht die Mehrheit stellen, nicht einmal unter den sogenannten Populisten.

In Deutschland seien populistische Einstellungen zwar weit verbreitet, heißt es in einer repräsentativen Studie der Bertelsmann-Stiftung, die meisten dieser Menschen aber seien "enttäuschte Demokraten" und "keine Feinde der Demokratie". Für den Bundestagswahlkampf bedeute das, mit radikalen Thesen könnten Politiker beim Großteil der Wähler nicht punkten.

Etwa ein Drittel der Deutschen stimmt populistischen Aussagen grundlegend zu, wobei das erst einmal heißt: Die Menschen wünschen den Bürgern mehr Einfluss, die Politiker seien zu weit weg von deren Belangen.

Wer Populist ist und wer nicht, machen die Autoren vor allem an drei Merkmalen fest: Diese Menschen wünschen sich mehr Macht für das Volk. Sie kritisieren das Establishment. Und sind gegen den Pluralismus. Denn sie gehen davon aus, dass das Volk einen gemeinsamen Willen teilt, einen volonté générale, deshalb halten sie von der Vielfalt der Meinungen nicht viel. Anhand dieser drei Punkte haben auch schon andere Wissenschaftler Populismus untersucht.

Wie die Wissenschaftler Populismus gemessen haben

Die Autoren haben drei Dimensionen des Populismus festgelegt: Anti-Establishment, Anti-Pluralismus und Pro-Volkssouveränität. Diese drei Dimensionen haben sie anhand von acht Aussagen abgefragt, zum Beispiel: "Mir wäre es lieber von einem einfachen Bürger vertreten zu werden als von einem Politiker." Nur wer allen acht Aussagen "voll und ganz" oder "eher" zugestimmt hat, stuften die Wissenschaftler als populistisch ein. Die Umfragen fanden zwischen Juli 2015 und März 2017 statt. Interviewt wurden jeweils mehr als 1600 Wahlberechtigte.

Die Deutschen sind der Studie zufolge eher moderate Populisten als radikale, sie lehnen weder die Demokratie generell ab, noch die Europäische Union. Während unter den nicht populistisch Eingestellten fast neun von zehn die Mitgliedschaft in der EU für eine gute Sache halten, sieht das auch die klare Mehrheit der Populisten so. Ebenfalls glauben die meisten von ihnen daran, dass die Demokratie "alles in allem" die beste Staatsform sei.

Es geht also nicht um das ob, sondern um das wie. Zum Beispiel ist etwa die Hälfte der Populisten nicht der Meinung, dass die Demokratie momentan besonders gut funktioniere. Auch sei die europäische Integration zu weit gegangen. "Eine Kampagne wie der Brexit aber hätte in Deutschland derzeit nicht den Hauch einer Chance", sagt Robert Vehrkamp, einer der Autoren der Studie.