Studie "Sie reißen sich Arme und Beine aus"

Immer mehr Alleinerziehende und ihre Kinder sind in Deutschland von Armut bedroht. Nur jedes zweite Kind bekommt Unterhalt.

Interview von Ulrike Heidenreich

München - Kindern von getrennt lebenden Eltern droht in Deutschland häufiger ein Leben in Armut als Gleichaltrigen in Paarfamilien. 2,3 Millionen Kinder wachsen mittlerweile in einer sogenannten Ein-Eltern-Familie auf. Knapp eine Million von ihnen muss bereits von Hartz IV leben. Ein Grund sind ausbleibende Zahlungen des anderen Elternteils: Die Hälfte aller Kinder von Alleinerziehenden erhält keinerlei Unterhalt. 25 Prozent bekommen weniger als ihnen zusteht. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von Anne Lenze und Antje Funcke nennt sich dann auch "Alleinerziehende unter Druck".

SZ: Erhalten Alleinerziehende genügend Hilfe in unserer Gesellschaft?

Antje Funcke: Ein-Eltern-Familien sind stark von Armut betroffen, das zeigt deutlich, dass diese Familienform zu wenig Unterstützung bekommt. Letztendlich wird das, was alleinerziehende Eltern - zu 89 Prozent sind das Mütter - im Alltag leisten, viel zu wenig wertgeschätzt. Immer wieder berichten uns Alleinerziehende, dass sie sich stigmatisiert sehen. Sie fühlen sich als Problemgruppe wahrgenommen. Ihre besondere Lebenslage, nämlich dass sie alles unter einen Hut bringen müssen und dass sie vielleicht stärker als andere Eltern an Betreuungszeiten in Kitas gebunden sind, wird häufig nicht richtig gesehen.

Wer nimmt sie denn als Problemgruppe wahr?

Bei den Behörden ist das der Fall, aber auch in der Schule. Alleinerziehende fühlen sich im Umgang mit Lehrern oft defizitär angesprochen, meinen, sich rechtfertigen zu müssen. Ihnen wird unterstellt, dass sie sich nicht so intensiv um ihre Kinder kümmern wie Paar-Eltern. Dabei ist häufig das Gegenteil der Fall: Sie reißen sich Arme und Beine aus, um für die Kinder da zu sein.

Die Hälfte der Alleinerziehenden bekommt keinen Kindesunterhalt vom anderen Elternteil. Warum wird das so hingenommen?

Neue Zahlen bestätigen, dass bei drei von vier Kindern kein oder zu wenig Unterhalt ankommt. Erschreckend ist, dass nicht grundlegend untersucht wird, warum das so ist. Ausbleibender Unterhalt wirkt sich direkt auf die Armut in den Familien aus, das spüren auch die Kinder ganz deutlich.

Was also ist nötig?

Die Politik muss genauer hinsehen. Denn man muss vorsichtig sein, darf keine Vorverurteilungen von Vätern vornehmen. Es gibt immer zwei Erklärungen in diesen Fällen: Entweder, da ist jemand, der Geld hätte, aber nicht zahlen will. Aus welchen Gründen - darüber will ich nicht spekulieren. Trennungen sind immer schwierige Situationen. Hier bräuchte man bessere Durchsetzungsmechanismen, damit Unterhalt fließt. Oder aber, es kann tatsächlich nicht gezahlt werden, weil das Einkommen nicht ausreicht. Es ist nun mal teuer, zwei Haushalte nach einer Trennung zu finanzieren. In diesen Fällen muss ganz dringend der Staat einspringen.

Das tut der Staat doch - mithilfe des Unterhaltsvorschusses.

Eigentlich ist das ja eine gute Leistung, weil sie bedarfsunabhängig an Kinder gezahlt wird. Kinder bis zum fünften Lebensjahr haben Anspruch auf 145 Euro, zwischen sechs und zwölf Jahren sind es 194 Euro. Problematisch ist aber, dass sie maximal sechs Jahre und nur bis zum zwölften Geburtstag gezahlt wird. Dafür gibt es keine nachvollziehbare Begründung. Und es ist gleichheitsrechtlich problematisch. Der Staat muss für alle Kinder bis 18 Jahre einspringen, das fordern wir.

Wie erfolgreich sind Behörden, den Unterhaltsvorschuss bei säumigen Zahlern zurückzuholen?

Die Quoten liegen deutschlandweit bei gerade mal 23 Prozent. Der Rest der Kosten bleibt beim Staat.

Andere Länder sind da nicht so zimperlich: Sie kassieren Führerscheine, um die Säumigen zum Zahlen zu bewegen.

Das stimmt. In England zum Beispiel gibt es den Child Maintenance Service. Das ist eine staatliche Agentur, die damit beauftragt ist, die Berechnung von Unterhaltsansprüchen zu übernehmen. Sie haben Sanktionsmöglichkeiten wie Pfändungen oder Herabsetzung der Kreditwürdigkeit.

Die Sorgemodelle haben sich geändert. Berücksichtigt das die Familienpolitik ausreichend?

Nein. Wenn Kinder regelmäßig in zwei Haushalten leben und sich die Eltern die Erziehung aufteilen, verursacht das Mehrkosten. In beiden Wohnungen sind Kinderzimmer nötig, es müssen Kleidung, Spiel- und Schulsachen da sein. Mit diesen Umgangsmehrkosten hat sich noch niemand so richtig beschäftigt. Wenn dies nicht analysiert und im Sozialrecht berücksichtigt wird, bedeutet das, dass nur Kinder finanziell besser gestellter Eltern die ganze Palette an neuen Sorgemodellen leben können.

Wie kann man Alleinerziehenden besser helfen?

Dem Problem des ausbleibenden Kindesunterhalts konsequent nachgehen - damit ließe sich der finanzielle Druck in alleinerziehenden Familien sofort verringern. Wir haben einen Dschungel an Sozialleistungen: Das bedeutet, dass sie zu unterschiedlichsten Ämtern gehen müssen, wechselnde Gesprächspartner haben, immer wieder ihre Lage und Situation neu erklären müssen, das ist eine große Hürde. Es muss Hilfe aus einer Hand für sie geben.