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Studie:Mindestlohn kostet kaum Jobs

Betriebe reagieren eher zurückhaltend bei Einstellungen und erhöhen die Preise. Und ein Ergebnis mutet geradezu paradox an.

Der gesetzliche Mindestlohn hat offenbar kaum Jobs gekostet. Er hat aber dazu geführt, dass Betriebe seit Anfang 2015 weniger Mitarbeiter eingestellt haben als ursprünglich geplant - sowie ihre Preise erhöht haben. Zu dem Ergebnis kommt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer Studie, die es am Mittwoch in Nürnberg veröffentlichte. Das IAB ist die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit.

Fünf Wissenschaftler des IAB haben in den vergangenen Monaten dazu das Betriebspanel ausgewertet; jene repräsentative Umfrage, in der das Institut jährlich etwa 16 000 Betriebe befragt. Die meisten Betriebe - nämlich mehr als 78 Prozent - fühlen sich vom Mindestlohn nicht betroffen, die restlichen fühlen sich teils direkt, teils indirekt und teils direkt und indirekt betroffen. Direkt betroffen ist, wer nun seinen Beschäftigten mehr zahlen muss als früher; indirekt betroffen ist, wessen Konkurrenten nun mehr zahlen müssen, oder wer zum Beispiel seinen Lieferanten nun mehr zahlen muss als früher.

Diejenigen Betriebe, denen der Mindestlohn Anlass zu einer anderen Personalpolitik gegeben hat, haben dies überwiegend getan, indem sie die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter reduzierten oder ihnen mehr Arbeit zuwiesen, die sie in der gleichen Zeit wie früher erledigen mussten. 18 Prozent der vom Mindestlohn betroffenen Betriebe taten dies; weitere vier Prozent gaben an, dies zu beabsichtigen.

Die zweithäufigste Reaktion in der Personalpolitik: Zurückhaltung bei Neueinstellungen. 10,4 Prozent der betroffenen Betriebe machten diese Angabe; weitere 5,3 Prozent erklärten, dies zu beabsichtigen. Dieser Schritt wird weitaus häufiger vollzogen als die Entlassung von Mitarbeitern, wozu sich bisher nur 4,7 Prozent der betroffenen Betriebe nach eigenen Angaben entschlossen. Die IAB-Forscher um den Betriebs-Experten Lutz Bellmann halten dies für plausibel. Weniger Leute einzustellen sei "in der Regel kostengünstiger als Entlassungen", schreiben sie.

Tendenziell gilt: Je stärker eine Branche vom Mindestlohn betroffen war, umso ausgeprägter die Reaktion der Betriebe dort. Im Gastgewerbe gaben 13 Prozent der betroffenen Betriebe an, zurückhaltender bei Einstellungen zu sein. Immerhin 5,7 Prozent dieser Betriebe meldeten sogar Entlassungen. Im Baugewerbe hingegen - wo es seit Jahren einen tariflichen Mindestlohn gibt, der nun etwa zwei Euro über dem gesetzlichen Mindestlohn liegt - waren die Folgen gering. Lediglich gut zwei Prozent der (vermutlich rein indirekt) betroffenen Betriebe meldeten Änderungen in ihrer Personalpolitik. Paradox hingegen mutet an, was den Forschern ebenfalls auffiel: Dass viele der vom Mindestlohn besonders betroffenen Branchen ihre Beschäftigung ausgebaut haben. Die Erklärung: "Vom Mindestlohn unberührte Betriebe dieser Branchen verzeichneten eine besonders positive Beschäftigungsentwicklung."

Am häufigsten reagierten die betroffenen Betriebe jedoch, indem sie gestiegene Kosten auf ihre Kunden abwälzten: 17,9 Prozent erklärten, ihre Preise erhöht zu haben; weitere 7,7 Prozent kündigten dies an. Generell war das Ergebnis der Studie, dass Betroffenheit und Auswirkung des Mindestlohns in Ostdeutschland höher sind als in Westdeutschland. Aber in der Preispolitik scheint der Unterschied zwischen den beiden Landesteilen besonders groß zu sein. Fast jeder vierte betroffene Betrieb im Osten (24,2 Prozent) gab an, seine Preise erhöht zu haben; im Westen war es nur gut jeder achte (13,4 Prozent).

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SZ-Grafik; Quelle: IAB

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