Süddeutsche Zeitung

Soziologie:Wenn der Schmerz ausstrahlt

Menschen haben größere Sorgen vor Zuwanderung, wenn sie mit ihrem Leben unzufrieden sind, zeigt eine Studie. Das gilt offenbar nicht nur, wenn Angst um Job oder Geld die Stimmung drückt, sondern auch bei privaten Schicksalsschlägen.

Von Bernd Kramer

Einen geliebten Menschen zu verlieren, ändert alles: Ein Platz am Tisch bleibt leer, man schläft alleine ein und wacht alleine auf, das Leben braucht einen neuen Rhythmus - und manchmal ändern sich mit so einem Schicksalsschlag auch Dinge, die auf den ersten Blick sehr wenig mit alldem zu tun haben. Die Wahlabsichten zum Beispiel.

Auf diesen merkwürdigen Zusammenhang stießen vor einigen Jahren drei Ökonomen, als sie Umfragen aus Großbritannien ausgewertet hatten: Personen, deren Ehefrau oder Ehemann kurz vorher gestorben war, zeigen sich anschließend seltener gewillt, der jeweils regierenden Partei bei der nächsten Parlamentswahl ihre Stimme zu geben, ganz gleich, ob der Premier ein Tory war oder ein Labour-Politiker. Um zehn Prozent sinkt für Verwitwete die Wahrscheinlichkeit, für die Regierungspartei zu stimmen - obwohl die in den allermeisten Fällen höchstwahrscheinlich rein gar nichts für den Tod des Partners kann. Die gedrückte Stimmung führt offenbar dazu, dass man auch die gerade amtierende Regierung am liebsten in die Wüste schicken würde.

Ob Menschen glücklich sind oder nicht, hat also weitreichende Folgen. Fabian Kratz von der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat diesen Gedanken in einer Studie aufgegriffen, die nun in der renommierten Fachzeitschrift European Sociological Review erschienen ist. Dafür hat Kratz Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel analysiert, das ist eine große Wiederholungsbefragung, bei der Zehntausende Menschen in Deutschland über viele Jahre hinweg angegeben haben, wie zufrieden sie gerade mit ihrem Leben sind. Kratz stellte diese Werte den Sorgen vor zu viel Zuwanderung gegenüber, die ebenfalls regelmäßig abgefragt worden sind. Und tatsächlich: Menschen neigen eher zu migrationskritischeren Einstellungen, wenn ihre Lebenszufriedenheit sinkt.

Nun könnte man annehmen, dass dahinter ein nachvollziehbares Kalkül steckt: "Zuwanderung skeptischer zu sehen, wäre eine rationale Reaktion, wenn man dadurch zum Beispiel mehr Wettbewerb um Arbeitsplätze befürchtet", so Kratz: "Man fühlt sich ökonomisch bedrängt, ist dadurch unzufriedener und schaut argwöhnisch bis feindlich auf diejenigen, die man für die Ursache der Bedrohung hält." Tatsächlich aber scheinen Menschen auch dann mehr Zuwanderungssorgen zu haben, wenn es nicht die unmittelbare Angst um den Job oder das Geld ist, die ihre Stimmung drückt. Sondern womöglich etwas Fernliegendes, ein eher unpolitisches Ereignis wie der Tod des Partners etwa.

Soziologe Kratz vermutet, dass Menschen generell dazu neigen, nach Sündenböcken Ausschau zu halten, sobald es ihnen schlechter geht, und in ihrer Wahl dabei nicht unbedingt nach schlüssigen Kriterien vorgehen. Die ablehnende Einstellung gegenüber Zuwanderern lässt seinen Erkenntnissen zufolge allerdings auch wieder nach, sobald die Lebenszufriedenheit steigt - was auch den Fokus in den Migrationsdebatten weiten könnte. Offenbar denken Menschen bereits weltoffener, wenn sie einfach nur glücklich sind.

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