Gesundheitsversorgung:Warum vielen Kliniken in Deutschland die Insolvenz droht

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Die hohen Energiekosten werden auch für viele Krankenhäuser zum Problem, hier das Universitätsklinikum Essen. (Foto: Roland Weihrauch/DPA)

Laut einer aktuellen Studie rechnen nur noch sechs Prozent der Krankenhäuser im kommenden Jahr mit schwarzen Zahlen. Zehn bis 20 Prozent stünden vor dem Aus. Kann die Politik nicht helfen - oder will sie nicht?

Von Rainer Stadler

Wie lässt sich eine Situation, die immer schlimmer wird, in Worte fassen? Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat im Herbst eine Kampagne gestartet, die auf die Not der Kliniken aufmerksam machen sollte. Sie hieß "Alarmstufe Rot". Beklagt wurden die explodierenden Energiekosten, die viele Häuser an den Rand des Ruins drängten. Das Echo hielt sich in Grenzen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach teilte mit, der Bund werde bei den Ausgaben für Strom und Gas einspringen. Gleichzeitig ließ er durchblicken, dass die Gesamtausgaben für die Krankenhäuser wegen der angespannten Haushaltslage nicht zunehmen würden. Insofern ist es konsequent, wenn die Krankenhausgesellschaft nun meldet, dass eine Insolvenzwelle der Kliniken anrolle.

Die Prognose stützt sich auf eine Studie des Deutschen Krankenhausinstituts, das auch von der DKG getragen wird. Dessen Krankenhaus-Barometer, eine jährliche Umfrage, ergab für 2022, dass nur noch sechs Prozent der Kliniken in Deutschland ihre aktuelle wirtschaftliche Lage als gut einschätzen. Nur jede fünfte Klinik erwarte für das laufende Jahr schwarze Zahlen, mehr als die Hälfte gehe davon aus, dass sich das Betriebsergebnis im kommenden Jahr weiter verschlechtern werde. Besonders die großen Häuser mit mehr als 600 Betten stufen ihre Situation als negativ ein. Die Zahlen zeigten eindeutig, "dass wir einen Tiefstwert erreicht haben", resümiert ein Sprecher der Krankenhausgesellschaft.

Um die Misere zu beenden, reichen Ausgleichszahlungen des Bundes für verteuerte Energiekosten aus Sicht der DKG bei Weitem nicht. Die Kliniken müssten noch viele andere Ausgaben bewältigen, die inflationsbedingt zugelegt hätten, im Durchschnitt etwa um zehn Prozent. Die Preise für die Behandlungen dagegen, die sie mit den Krankenkassen abrechnen könnten, seien nur um zwei Prozent gestiegen. Dieses Defizit führt laut DKG "zu wirtschaftlichen Verwerfungen, die Krankenhäuser vermehrt in die Nähe der Insolvenz bringen".

Das strukturelle Defizit der Krankenhäuser werde sich 2023 auf 15 Milliarden Euro summieren, prognostiziert Gerald Gaß, Vorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft. (Foto: Marcus Brandt/DPA)

Sie treffen die Kliniken in einer Situation, in der sie - nach drei Jahren Pandemie - kräftig an Substanz eingebüßt haben. Gesundheitsminister Lauterbach hat zwar angekündigt, die Finanzierung der Krankenhäuser zu reformieren. Aber noch müssen die Kliniken auf der Basis von Fallpauschalen abrechnen, und das bedeutet: Je mehr Eingriffe sie vornehmen, desto besser werden sie honoriert.

Während der Pandemie konnten Krankenhäuser aber wesentlich weniger Patientinnen und Patienten behandeln, weil sie immer wieder von der Politik angewiesen wurden, Betten für die Aufnahme von Corona-Kranken vorzuhalten. Auch dafür hat der Bund Ausgleich gezahlt. Branchenkenner wenden jedoch ein, dass diese Zahlungen nicht ausreichten, um alle Kosten zu decken. Gerade Krankenhäuser mit vielen Corona-Fällen hätten das Nachsehen gehabt, weil die Behandlung dieser Kranken ebenso kosten- wie personalaufwendig war.

Es gibt immer weniger Kliniken

Wie viele Häuser sind akut bedroht? Die DKG rechnet für 2023 damit, dass zehn bis 20 Prozent insolvenzgefährdet sein könnten. Die Zahl der Kliniken schrumpft ohnehin seit Jahren, laut Angaben des Statistischen Bundesamts waren 2007 deutschlandweit 1791 allgemeine Krankenhäuser in Betrieb, 2020 nur noch 1558.

In der Vergangenheit haben Kommunen und die Bundesländer immer wieder Häuser vor dem Untergang bewahrt. Doch auch deren Handlungsspielräume sind kleiner geworden, Inflation und Pandemie haben tiefe Löcher in ihre Haushalte gerissen. Zudem argwöhnt man bei der Krankenhausgesellschaft, dass eine Marktbereinigung bei den Kliniken politisch gewollt sein könnte: Die Zahl der Häuser ist im internationalen Vergleich hoch, ein paar Pleiten hätten den angenehmen Effekt, dass Bund und Länder die übrigen Einrichtungen mit mehr Geld und Personal ausstatten könnten.

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Der DKG-Vorsitzende Gerald Gaß hat diesen "kalten Strukturwandel" wiederholt kritisiert. Wer den Prozess einfach so laufen lasse, gefährde die Versorgung in vielen Regionen Deutschlands. Gerade die kleinen Kliniken auf dem Land haben es in der Welt der Fallpauschalen schwer, ihre Kosten zu decken. Für die Bevölkerung sind sie aber häufig der letzte Anlaufpunkt. Die ambulanten Strukturen, die nach den Plänen von Lauterbach die stationäre Behandlung in den Kliniken ersetzen sollen, existieren vielerorts nicht mehr.

Das strukturelle Defizit der Krankenhäuser werde sich 2023 auf 15 Milliarden Euro summieren, prognostiziert DKG-Chef Gaß. Hier müsse der Bund einspringen. Ansonsten seien alle Versprechungen von Lauterbach, den ökonomischen Druck aus dem System zu nehmen und der Medizin wieder den Vorrang vor der Ökonomie einzuräumen, hinfällig. Noch scheint es bei der DKG einen Funken Hoffnung zu geben, dass es doch anders kommt: In ihrer aktuellen Erklärung heißt es lediglich, die Politik habe den Zeitpunkt, zu dem sich die Pleitewelle der Kliniken aufhalten lasse, "fast verpasst".

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