Studie Deutsche sehen den Antisemitismus wachsen

Einer EU-Umfrage zufolge nehmen 90 Prozent der Juden in den Ländern der Union immer mehr Feindseligkeit wahr.

Von Benedikt Peters

74 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hält die überwiegende Mehrheit der Deutschen Antisemitismus für ein wachsendes Problem. Dies geht aus der Eurobarometer-Umfrage hervor, die EU-Justizkommissarin Věra Jourová am Dienstag in Brüssel vorstellte. 61 Prozent der Deutschen sind demnach überzeugt, dass Anfeindungen gegenüber Juden in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Zwei Drittel stimmen zudem der Aussage zu, Antisemitismus sei hierzulande ein Problem. Die Werte für Deutschland liegen damit höher als in vielen anderen Ländern Europas. EU-weit nimmt lediglich jeder Dritte einen Anstieg wahr.

Ein drastischeres Bild ergibt sich unter in Europa lebenden Juden. Eine Befragung der EU-Agentur für Grundrechte hatte im Dezember ergeben, dass 90 Prozent von ihnen der Meinung sind, dass Antisemitismus in ihrem Land zunimmt. Vier von zehn Befragten erwägen nach eigener Aussage, aus Europa wegzuziehen. Die Zahlen nahm die EU-Justizkommissarin Věra Jourová nun zum Anlass für drastische Worte. Dass sich viele Juden heutzutage bedroht fühlten, sei "Europas Schande", sagte Jourová. "Wir müssen wachsam sein." Zur Präsentation der Studie hatte sie mit dem Jüdischen Museum in Brüssel einen symbolischen Ort gewählt. Bei einem Anschlag im Mai 2014 wurden dort vier Menschen erschossen, es war der mutmaßlich erste Anschlag der Terrormiliz Islamischer Staat auf europäischem Boden.

Die Eurobarometer-Forscher untersuchten ebenfalls, ob sich die EU-Bürger gut über das Judentum informiert fühlen. Die Antwort ist ein klares Nein: 74 Prozent der Deutschen finden, die Menschen hierzulande wüssten kaum etwas über Geschichte und Bräuche des Judentums. Frühere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. In einer repräsentativen Erhebung vom vergangenen November sagten etwa 40 Prozent der Deutschen im Alter von 18 bis 34 Jahren, sie wüssten "wenig" oder "gar nichts" über die Vernichtung der Juden im Zweiten Weltkrieg. Fünf Prozent der Befragten gaben damals an, sie hätten "nie vom Holocaust gehört".

Ob neben dem Unwissen auch antisemitische Übergriffe in Deutschland zunehmen, dazu gibt es unterschiedliche Befunde. Laut Polizeistatistik haben Straftaten gegen Juden in den vergangenen Jahren nicht zugenommen, Anfang der 2000er-Jahre lag die Zahl der Delikte etwas höher als zuletzt. 2017 waren es offiziell 1467 Übergriffe, Experten vermuten allerdings eine hohe Dunkelziffer. Seit Längerem deuten manche Befunde darauf hin, dass Antisemitismus hierzulande zunimmt. So warnten Forscher der Freien Universität Berlin, dass es im Netz immer häufiger zu judenfeindlichen Äußerungen komme. Nach einer Auswertung etwa einer Viertelmillion User-Kommentare waren die Autoren zu dem Schluss gekommen, dass sich der Anteil der Beiträge mit antisemitischen Stereotypen zwischen 2007 und 2014 verfünffacht hatte. Die Sichtbarkeit der Anfeindungen, so könnte man zusammenfassen, hat in den letzten Jahren zugenommen.