Studie der Universität Leipzig Rechtsextreme finden in der AfD ihre politische Heimat

Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry vor Anhängern im Münchner Hofbräukeller

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Die Unversität Leipzig veröffentlicht im Zweijahresrhythmus die sogenannte "Mitte-Studie".
  • Den Forschern zufolge nehmen rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung nicht weiter zu.
  • Die Menschen stehen vor allem Muslimen und Asylbewerbern zunehmend feindselig gegenüber.
Von Antonie Rietzschel

Ein 21-Jähriger schießt mit einem Luftgewehr auf eine Asylunterkunft - und verletzt dabei ein fünfjähriges Mädchen. Im sächsischen Arnsdorf fesselt eine Gruppe Männer einen psychisch kranken Asylbewerber an einen Baum. Vorfälle wie diese sind traurige Realität in Deutschland geworden (eine Chronik) - und die Täter sind nicht unbedingt Neonazis. Immer häufiger stammen sie aus der Mitte der Gesellschaft.

Wissenschaftler der Universität Leipzig widmen sich dieser Mitte seit 14 Jahren. Im Zweijahresrhythmus veröffentlichen sie die sogenannte "Mitte-Studie". Deren Fokus liegt vor allem in der Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in der Bevölkerung. Die Titel der bisherigen Veröffentlichungen dokumentieren den Wandel: Von der "Mitte in der Krise" (2010) über deren "Umbruch" (2012) hin zur "Enthemmten Mitte" (2016).

Die Teilnehmer ihrer aktuellen Studie (PDF) haben die Wissenschaftler Elmar Brähler und Oliver Decker per Zufall ausgewählt. Sie befragten im Frühjahr dieses Jahres 2420 Personen mithilfe standardisierter Fragebögen zu ihrer Einstellung gegenüber der Demokratie - aber auch gegenüber Muslimen oder der Parteienlandschaft.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Keine Zunahme rechtsextremer Einstellungen

Ein rechtsextremes Weltbild machen die Forscher an mehreren Punkten fest: Unterstützung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus sowie Verharmlosung des Nationalsozialismus. Der Anteil derer, die eine rechtsautoritäre Diktatur befürworten, ist allerdings in den vergangenen zwei Jahren leicht angestiegen - von 3,6 auf fünf Prozent. Auch die Ausländerfeindlichkeit erreicht mit 22 Prozent einen hohen Wert. Doch der Anteil der Menschen mit einem geschlossenen, rechtsextremen Weltbild steigt im Moment nicht weiter an.

Grundsätzlich finden sich rechtsextreme Einstellungen in allen Bevölkerungsgruppen. Junge ostdeutsche Männer im Alter von 14 bis 30 Jahren sind der Studie zufolge jedoch besonders anfällig.

Vorurteile gegen Muslime und Flüchtlinge nehmen zu

Besorgniserregende Ergebnisse gibt es im Bereich gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Immer mehr Menschen stehen dem Islam feindselig gegenüber. Jeder zweite Befragte gab an, sich "wie ein Fremder im eigenen Land" zu fühlen, über 40 Prozent wollen Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagen - ein Trend, der sich über die vergangenen Jahre hinweg entwickelt hat.

Auch die Ablehnung von Asylbewerbern hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Dass der Staat bei der Prüfung von Asylanträgen nicht großzügig sein sollte, finden 80 Prozent der Befragten. 2011 lag die Zustimmung bei 26 Prozent.

Rechtsextreme finden in der AfD eine politische Heimat

Bislang haben Wähler und Wählerinnen mit rechtsextremer Einstellung trotzdem überwiegend die großen demokratischen Parteien SPD und CDU gewählt. Eine politische Alternative gab es aus deren Sicht keine. Denn Parteien wie die NPD waren für diese - sich selbst der "Mitte" zurechnenden - Milieus nicht wählbar.

Doch bereits in ihrer letzten Studie 2014 sagten die Forscher voraus, dass die AfD zur Konkurrenz für die Volksparteien werden könnte. Die vergangenen Landtagswahlen haben dies eindrücklich bewiesen.

In ihrer aktuellen Sudie zeigen Brähler und Decker jetzt, wie sich das Wahlverhalten derer verändert hat, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild aufweisen.

Ob in den Bereichen Ausländerfeindlichkeit oder Sozialdarwinismus - überall zeigt sich ein großer Unterschied zwischen der Wählerschaft der AfD und den anderen Parteien. Die Forscher begründen dies unter anderem damit, dass sich die Partei-Anhänger insgesamt radikalisiert hätten.

Besonders deutlich ist der Abstand bei der Zustimmung zu islamfeindlichen Aussagen wie der folgenden: "Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land". Auch wenn diese Position bei anderen Parteien Anklang findet, die Zustimmung ist unter den potenziellen AfD-Wählern mit 86 Prozent am höchsten. Möglicherweise ein Hinweis darauf, dass der islamfeindliche Kurs der AfD-Bundespartei Früchte trägt.

Vertrauen in Demokratie ist hoch

Bei der Antwort auf die Frage, ob die Deutschen der "Demokratie als Idee" zustimmen, zeigt sich im Zeitverlauf ein kleiner Anstieg von 91 auf 94 Prozent. Besonders der Osten Deutschlands hat hier in den vergangenen Jahren aufgeholt.

Für die Aussage "Demokratie wie sie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert", ist die Zustimmung nicht mehr hoch. Sie liegt bei 54 Prozent. Insgesamt genieße das politische System aber Vertrauen, heißt es in der Studie. Das liege möglicherweise in der positiven wirtschaftlichen Situation des Landes begründet. Immerhin 51 Prozent der Befragten beurteilen diese in Deutschland als sehr gut oder gut.

Gleichzeitig ist aber die Frustration über das politische System unter den Befragten groß. Nur 27 Prozent glauben, selbst Einfluss auf Regierungshandeln zu haben. 60 Prozent der Befragten sehen keinen Sinn darin, sich politisch zu engagieren. Das weise auf ein massives Teilhabedefizit hin, so die Einschätzung der Forscher.

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