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Studie:3,7 Millionen Abgehängte

Schulessen in einer offenen Ganztagsschule

Langweilig und unattraktiv: Mittagessen in einer Ganztagsschule. Bildungsforscher zeigen sich in Bezug auf ihren Beitrag zur Integration von ihr enttäuscht.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Nie zuvor waren so viele junge Deutsche gut gebildet. Trotzdem hängt Bildungserfolg noch immer vom Elternhaus ab.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Den einen eröffnen sich attraktive Bildungswege, sie studieren länger in europäischen Nachbarländern als jede Generation vor ihnen. Die anderen sitzen fest in einer Welt beschränkter Chancen, daran ändern auch Ganztagsschulen nichts. Das ist ein Ergebnis des Deutschen Kinder- und Jugendhilfe-Monitors 2017, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Mehr als jeder vierte Minderjährige in Deutschland ist demnach sozial benachteiligt oder von Armut bedroht. 3,7 Millionen Kinder und Jugendliche gehörten zu den Abgehängten ihrer Generation, also 28 Prozent. Jeder zehnte junge Mensch wächst nach dem Bericht in einem Elternhaus auf, in dem weder Vater noch Mutter erwerbstätig sind, bei elf Prozent haben beide Eltern keine Ausbildung. "Startchancen in das Leben werden nach wie vor vererbt", sagte die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ), Karin Böllert, die eine bessere Integration geflüchteter Kinder ins Bildungssystem forderte.

Der Deutsche Kinder- und Jugendhilfe-Monitor wird vom deutschen Jugendinstitut und der Technischen Universität Dortmund erstellt. Vor dem Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag Ende März hat er Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe ausgewertet. Nie waren in Deutschland demnach so viele junge Leute gut gebildet und in Europa unterwegs. 41 Prozent der Schüler machen Abitur, Tendenz steigend, nur noch 5,7 Prozent brechen die Schule ab. Seit 2010 ist die Zahl der Studierenden um 27 Prozent gestiegen. Und während 2004 noch 40 000 Studierende einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland absolvierten, waren es 2012 bereits 107 000. "Bildung wird europäisch", sagte Böllert, allerdings hänge Bildungserfolg noch immer maßgeblich vom Elternhaus ab.

Schon im Vorschulalter können sich nach dem Bericht die Bildungswege trennen, unter Umständen fürs Leben. So besuche heute bereits jedes dritte Kind unter drei Jahren eine Kita. Bei Migrantenkindern sei die Quote niedriger, Flüchtlingsfamilien wüssten oft gar nichts über Betreuungsangebote. Dabei sei die Kita ein "Türöffner" zur Integration. "Wir fordern für alle 120 000 geflüchteten Kinder einen Kita-Platz", sagte Böllert. Desillusioniert zeigten sich die Kinder- und Jugendhelfer vom Effekt von Ganztagsschulen. "Beim Ziel, Kindern hier gleiche Startchancen zu geben, ist die Ganztagsschule gescheitert", so Böllert. "Sie ist unattraktiv, sie ist langweilig." Ganztagsschulen in ihrem derzeitigen Zuschnitt hätten die Bildungsabschlüsse Benachteiligter nicht verbessert. Nötig sei hier ein "erweiterter Bildungsbegriff", eine kreativere Gestaltung von Freizeit, aber auch die Möglichkeiten für Schüler, mehr Ideen einzubringen. Um attraktiver zu werden, bräuchten Schulen hier Unterstützung.

© SZ vom 21.03.2017
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