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Studentenbewegung 1968:Wie Dutschke dachte

Rudi Dutschke, 1968

Rudi Dutschke, Studentenführer und Ideologe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), am 6. März 1968 in der Aula der Halenpaghenschule im niedersächsischen Buxtehude

(Foto: DPA)

Als Wortführer der Studentenbewegung mischte Rudi Duschke die Republik auf. Carsten Prien versucht, die politische Vorstellungswelt des 68ers nachzuzeichnen.

Dieses Buch wirkt wie aus der Zeit gefallen. Die Begriffe, mit denen hantiert wird, muten seltsam antiquiert an. Vom "Kapitalverhältnis" ist beispielsweise die Rede, von "Klassenkampf" oder von der "Dialektik der Organisationsfrage". Worum geht es Carsten Prien, Jahrgang 1976, also eher kein unter Nostalgieverdacht stehender "Alt-Achtundsechziger"?

Mit seiner Studie erhebt er den Anspruch, "erstmals die Grundzüge des inneren Zusammenhangs von Dutschkes Gesamtwerk nachzuzeichnen". Er verortet Dutschke im "westlichen Marxismus", den er durch Denker wie Georg Lukács und insbesondere Karl Korsch als Antipoden eines "russischen oder 'leninistischen' Marxismus" geprägt sieht.

Carsten Prien, Dutschkismus. Rudi Dutschkes politische Theorie, Ousia Lesekreis Verlag, 2015. 159 Seiten, 10 Euro.

Zwar habe Dutschke selbst darauf verzichtet, "seine strategischen Überlegungen systematisch darzustellen", da er immer konkret und "situationsbezogen" gedacht habe. Gleichwohl benutzt Prien für dessen politische Vorstellungen den Begriff "Dutschkismus".

Das Wesen dieses "Dutschkismus" sieht Prien in der "notwendigen Einheit und historischen Gleichzeitigkeit von Kultur- und Basisrevolution". Diese Revolution ist für Dutschke gleichbedeutend mit der freiwilligen "Selbsttätigkeit der Massen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens".

Wiederabdruck des Textes über "Staatssklaverei"

Priens Versuch einer Rekonstruktion der politischen Theorie Dutschkes geht einher mit temperamentvollen Attacken gegen dessen Kritiker.

Vor allem Wolfgang Kraushaar vom renommierten Hamburger Institut für Sozialforschung, der den SDS-Aktivisten als "ideellen Begründer der Stadtguerilla" begreift, wird mit überzeugenden, einer seriösen Textkritik verpflichteten Argumenten belehrt, dass etwa Dutschkes Formulierung von einer "städtischen Guerillataktik" nach dessen Verständnis "jedes Momentes physischer, gar militärischer Gewalt entbehrt". Auch die Bemühungen, Dutschkes deutschlandpolitische Vorstellungen "nationalistisch zu vereinnahmen", weist Prien zurück.

Im zweiten Teil des Buches findet sich der von Prien eingeleitete Wiederabdruck eines Textes über die "allgemeine reale Staatssklaverei", den Dutschke zusammen mit Günter Berkhahn erstmals 1977/78 veröffentlicht hatte.

Diese historisch-materialistische Kritik der Sowjetunion bedient sich insbesondere des im orthodoxen Marxismus sowjetischer Lesart verständlicherweise verpönten Begriffs der "asiatischen Produktionsweise", in der ein despotischer Staat den "Überschuss" abschöpft, der den bäuerlichen Bedarf übersteigt.

Das Buch bietet eine konzise Einführung in die politische Ideenwelt Dutschkes. Es bietet gute Voraussetzungen für eine Wiederentdeckung dieses originellen Denkers.

Werner Bührer ist Historiker und lehrt an der TU München.

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