Streit ums Kirchenasyl Härte gegenüber Härtefällen

Familie Ariyayi hat im Kapuzinerkloster Sankt Konrad in Altötting Asyl gefunden. Bei den Behörden gelten sie als "flüchtig".

(Foto: Catherina Hess)
  • Vertreter der Kirchen kritisieren, dass im Umgang mit humanitären Härtefällen unter Flüchtlingen die Menschlichkeit zunehmend auf der Strecke bleibe.
  • Flüchtlinge, die das Kirchenasyl auf Anweisung nicht verlassen, stuft das Asylbundesamt seit August als "flüchtig" ein - auch wenn es deren Anschrift kennt.
  • Die iranische Familie Ariyayi lebt seit Anfang November im Kapzuinerkloster Sankt Konrad in Altötting. Das Ringen um ihre Zukunft steht stellvertretend für den Kampf ums Kirchenasyl.
Von Bernd Kastner, Altötting

Die Familie ist "flüchtig". Das hat man ihr amtlich bescheinigt, als müsste man sie suchen, um ihrer habhaft zu werden. Dabei gilt es nur aufzupassen, auf dem Weg nicht die Orientierung zu verlieren zwischen Gnadenkapelle und Stiftspfarrkirche. Am besten, man biegt, von der Bahnhofstraße kommend, links in die Marien-, dann rechts in die Kapuzinerstraße ab. Wenn die päpstliche Basilika Sankt Anna auftaucht, ist man am Ziel: Kapuzinerkloster Sankt Konrad in Altötting.

Hier, im größten Wallfahrtsort Deutschlands, lebt die iranische Familie Ariyayi im Kirchenasyl, seit Anfang November. Hier lässt sich exemplarisch ein Konflikt beschreiben, der einen Keil zwischen viele Christen und den Staat treibt. Kirchenleute kritisieren, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibe im Umgang mit humanitären Härtefällen unter den Flüchtlingen.

Auch das Asylbundesamt (Bamf) kennt die Adresse der Familie Ariyayi (Name geändert), und doch stellt sie die Eltern mit ihren beiden Kindern auf eine Stufe mit Untergetauchten. Der 18-jährige Sohn der Familie ist schwerstbehindert, geistig und körperlich. Er, seine Eltern und die 16-jährige Schwester bräuchten dringend adäquate Hilfe. Die aber gibt es nicht im Kloster, und erst recht nicht in Bulgarien.

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Dorthin will das Bamf die Familie schicken. Durch Bulgarien kam sie auf ihrer Flucht, weshalb das Land für das Asylgesuch der Familie zuständig wäre. Doch dort, so berichten die Eltern, haben sie schreckliche zwei Monate durchlitten: "Es war die schlimmste Zeit, die wir jemals erlebt haben." Sie erzählen von unmenschlicher Behandlung, von katastrophalen Unterkünften, worunter vor allem ihr Sohn gelitten habe, der auch nicht annähernd angemessen zu versorgen war.

Worum sie bitten: dass Deutschland ihr Asylverfahren übernimmt. Um das zu erreichen, müsste die Familie wohl noch ein Jahr lang im Kloster ausharren. Aus Iran waren sie geflohen, weil der Vater sich nicht am Krieg in Syrien beteiligen wollte.

Das Ringen um die Zukunft der Familie Ariyayi steht stellvertretend für den Kampf ums Kirchenasyl. Der wird zwischen den beiden großen Kirchen und dem Staat ausgefochten.

Selbst Seehofer hat sich kürzlich zum Kirchenasyl bekannt

Zwar hat sich kürzlich selbst Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) im Interview mit dem evangelischen Magazin Zeitzeichen zum Kirchenasyl bekannt: "Ich respektiere als Christ die Tradition des Kirchenasyls, und ich betrachte das Kirchenasyl als hilfreiche und erhaltenswerte 'Ultima Ratio' in besonders gelagerten Härtefällen." Dennoch zweifeln am ernsthaften Willen des Staates, in humanitären Notlagen menschlich zu handeln, immer mehr Kirchenleute.

Fünf evangelische Landeskirchen kritisieren in einem internen Papier, dass viele dem Bamf vorgelegte Kirchenasyl-Fälle "eine unvoreingenommene ernsthafte Neubetrachtung (. . .) unter humanitären Gesichtspunkten vermissen lassen". Das Bamf, fordern sie, müsse sich "konsequent an den Belangen der Humanität" orientieren.