bedeckt München 17°

Streit um Platzbenennung in Münster:Eine Stadt will ihren Hindenburg zurück

Lange war die Fläche vor der Universität Münster nach dem Mann benannt, der Hitler zum Kanzler ernannte. Die Stadt hat dem Hindenburgplatz jüngst einen neuen Namen gegeben, doch Konservative protestieren lautstark. Nun mischen auch Rechtsextreme in dem Streit mit - eine PR-Katastrophe, die in Münster ihresgleichen sucht.

Bernd Dörries, Münster

Später einmal, sagt Markus Lewe, werde man sich vielleicht die Augen reiben und fragen, was hier eigentlich passiert ist in Münster. Das kann man ruhig auch heute schon mal fragen, zum Beispiel Lewe, den Oberbürgermeister der Stadt, der in diesen Tagen nicht viel anderes macht, als die Lage in Münster zu erklären. Früher, sagt Lewe in seinem Amtszimmer, da habe er solche Bürgerinitiativen und Debatten für "Schwachsinn" gehalten. In diesen Tagen im September zitiert Lewe aber aus seinem Amtseid: "Es ist meine Aufgabe, Schaden fernzuhalten von der Stadt." Die Stadt drohe zum Aufmarschplatz von Rechtsextremisten zu werden.

Adolf Hitler mit Paul von Hindenburg, 1933

Eine Stadt will ihren Hindenburg zurück: Paul von Hindenburg, den Generalfeldmarschall des Ersten Weltkriegs, der als Reichspräsident 1933 Adolf Hitler zum Kanzler ernannte. Das sieht nicht gut aus.

(Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo)

Und um einen Platz geht es auch in diesem Streit, der nun mit wechselnder Vehemenz seit etwa zwei Jahrzehnten geführt wird in Münster, es geht um den Platz vor der Universität. Zwei Jahre lang beschäftigte sich eine Historikerkommission mit den Straßennamen der Stadt und schlug elf davon zur Umbenennung vor, darunter den Hindenburgplatz vor der Uni. Es gab Diskussionsveranstaltungen, mit akademischer Gründlichkeit wurden Argumente ausgetauscht, der neue Name ausgiebig besprochen, Meinungsforscher ermittelten einen klaren Trend für die Umbenennung. Mitte März 2012 entschied der Stadtrat schließlich, den Hindenburg- in Schlossplatz umzubenennen. Damit schien die Sache erst einmal erledigt zu sein. In Münster ging es nun aber erst richtig los.

Es formierte sich eine Bürgerinitiative, die knapp 17.000 Unterschriften sammelte - und jetzt entscheiden die Münsteraner am 16. September in einem Bürgerentscheid, ob der Schloss- wieder in Hindenburgplatz zurückbenannt werden soll. Das hat es in Deutschland so selten gegeben. Wenn nun der Rest des Landes nur ein wenig lächeln würde über die ja sprichwörtlich sturen Münsteraner, dann hätte der Oberbürgermeister kein Problem damit. "Es geht aber um die Frage, ob eine Stadt weltoffen ist und sich auch als dialogfreundlich versteht, ob sie eine solche Debatte beherrschen kann." Manchmal sieht es nicht so aus in diesen Tagen, dann wirkt es so, als sei die Stadt des Westfälischen Friedens auf einmal eine, in der sehr viele Menschen denken, dass nicht alles schlecht war im Dritten Reich.

Vor allem im Internet sind unschöne Dinge zu lesen, für den rechten Rand ist Münster eine gute Gelegenheit, in der Mitte der Gesellschaft zu fischen. Die rechtsextreme ProNRW-Partei soll auch Unterschriften gesammelt haben. "Es wäre fatal, wenn solche Gruppen das Bild der Stadt dominieren würden", sagt der Oberbürgermeister. Denn das Bild von Münster habe sich doch sehr zum Positiven verändert, meint Lewe. Noch vor 20 Jahren galt Münster als der Schreibtisch Westfalens, eine Beamten- und Verwaltungsstadt, etwas muffig und bieder. In den vergangenen Jahren hat sich aber einiges getan, junge Unternehmen siedelten sich an, die Universität verjüngte sich. Als "kleinste Großstadt der Welt" sah sich Münster, modern und sympathisch.

Die letzten Heuler der Restauration

Nun stehen sie plötzlich ein wenig da wie die letzten Heuler der Restauration. Eine Stadt will ihren Hindenburg zurück. Paul von Hindenburg, den Generalfeldmarschall des Ersten Weltkriegs, der als Reichspräsident 1933 Adolf Hitler zum Kanzler ernannte. Das sieht nicht gut aus.

"Uns geht es gar nicht um eine historische Neubewertung der Person", sagt Stefan Leschniok, Rechtsanwalt, CDU-Mitglied und einer der Sprecher der Bürgerinitiative Pro Hindenburgplatz. Ein paar Sätze später formuliert er es dann so: "Hindenburg hatte gute und schlechte Seiten."

Die Bürgerinitiative hat der ultrakonservativen Jungen Freiheit ein Interview gegeben, Leschniok selbst ist einer der Unterzeichner der "Aktion Linkstrend stoppen, für eine geistige Wende", die gerne eine andere CDU hätte, im Kleinen in Münster, wo Oberbürgermeister Lewe auch ein Christdemokrat ist. Aber auch im Großen, in Berlin, wo Angela Merkel die Partei in die falsche Richtung treibe, oder in gar keine. Ein Erfolg seiner Initiative wäre in diesem Kontext ein kleiner Sieg gegen den Zeitgeist.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite